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Von der Natur der Zwischenwelten

Von der Natur der Zwischenwelten

Logo Sommerlektüren 2022

Rhea Krcmárová liest in Berlin Hecken sitzen von Maria Seisenbacher

NEUE SERIE: Die POESIEGALERIE hat einzelne Autor*innen gebeten, über ihre Sommerlektüren zu schreiben. Ab sofort wird während der Monate August und September alle 3-4 Tage ein Text erscheinen, in denen die Eingeladenen über ihre Lektüreerfahrungen reflektieren. Dabei haben wir den auf der POESIEGALERIE üblichen Fokus auf „österreichische Literatur“ aufgegeben und den Autor*innen freie Hand bei der Wahl gelassen, gleich aus welcher Epoche, Weltgegend oder Sprache das Buch stammt. Wir freuen uns sehr über die vielen Texte und die große Diversität der Leseinteressen, die die Autor*innen in den kommenden Wochen mit uns allen teilen werden.

Den Anfang macht Rhea Krcmárová, die für die POESIEGALERIE den Instagram-Account instagram.com/poesiegalerie betreut und sich mit ihrer Wahl des neuen Gedichtbands von Maria Seisenbacher noch in heimischen literarischen Gefilden bewegt, wenn auch von Deutschland aus. Rhea Krcmárovás Instagramlyrik kann man auf ihrem Account instagram.com/rhea_krcmarova verfolgen.


Berlin, Britz-Süd, einer der Abende in der Mitte des Sommers. Vor der U-Bahnstation eine Bushaltestelle, in einiger Distanz ein fragwürdig umgesetztes Gebüschquadrat, ausgedörrt von vergangenen Sommertagen, umzäunt von kniehohen Waschbetonquadern, dekoriert von Kippen und Papierüberresten. Auf den Quadern krabbeln Ameisengeschwader, und zwischen ihnen: ich, sitzend unter Hecken, sanft die Insekten von meinen Armen schüttelnd. Gestrandet an diesem liminal place nach einer Reihe von ungeplanten Umstiegen, der von Google Maps versprochene Bus nicht vier, sondern vierzig Minuten entfernt. 

Der Blick entzieht dem Auge die Welt

Mein Trost: Maria Seisenbachers Lyrikband Hecken sitzen. An diesem Un-Ort finde ich unerwartete Ruhe für ein Buch, das seit Dezember auf meinem Bücherstapel liegt und in das ich in den (turbulenten) letzten Monaten nur hineingelesen hatte. Zwischen 60er-Jahre-Bauten und vernachlässigten Parkausfransungen tauche ich in mythisch angespielte Naturbeschreibungen, in angedeutete Normalitätsverschiebungen.

Rhea Krcmárová mit Gedichtband von Maria Seisenbacher

Foto © Autorin

verzogen in die Nachthaut
begrenzen Hecken den Verstand

Die Hecke: eine Grenze. Zwischen Kultur und Natur, zwischen Wirklichkeit und „Anderswelt“, zwischen der Welt der Menschen und der Mythen. Genau dort ist Seisenbachers bei Limbus Lyrik erschienener Gedichtband angesiedelt. Die Texte der in Wien geborenen Autorin nehmen die Leserinnen und Leser – nehmen mich – mit auf eine Reise ins Außer-Urbane.

Waldboden
Einfriedungen der Schritte

Seisenbacher und ihr Buch sind mir vor Weihnachten bei einer Limbus-Lesung in der Wiener Buchhandlung Orlando begegnet. Als jemand, die sich seit langem in die Themen Mythologie, Magie und ihren Schnittstellen zur Moderne vertieft und sie auch in den eigenen Texten immer wieder aufgreift, interessiert mich immer, wie andere Schreibende damit umgehen. Zu meinen liebsten Gedichten zählen z.B. die der US-Autorin Catherynne M. Valente, die mit Elementen von Mythen und Sagen spielen. 

Bei Seisenbachers Buch machten mich nicht nur die gelesenen Ausschnitte, sondern auch der Magie versprechende Titel Hecken sitzen neugierig. Der Einführungstext vor dem eigentlichen Buch erzählt vor „Heckensitzerinnen“, alten Frauen, denen die Fähigkeit nachgesagt wurde, sich mit Welten jenseits der Wirklichkeit zu verbinden – so wird das althochdeutsche Wort für Hexe, Hagazussa (von dem sich auch das englische „hag“ ableiten soll) mit dem Wort für Zaun/Hecke in Verbindung gebracht. Auch die Gedichte sind keine reine Botanikbeschreibung, sie lassen eine „Natur“ entstehen, in der das Herkömmliche subtil auf das „Andere “, das „Magische“ trifft.

Andeutungen auf Magie und Rituale ziehen sich durch das gesamte Buch, so heißt es in einem der (namenlosen) Gedicht

lege Eschenrinde 
unter meine Zungen
und verspreche Buchstaben
die gleich der Innenwurzel wachsen

See Also

Maria Seisenbacher schreibt mystisch, aber dennoch nicht sentimental – sie verknüpft mythologische Motive mit Symbolen der Moderne, fragmenthafte Naturbeschreibungen kontrastiert sie mit detaillierten Beobachtungen von Körperlichkeit. Das Buch schwärmt nicht von der Natur, sondern nimmt sie wahr, auch den Status Quo der zerstörten, schwindenden Flora. Dabei zeigt die Autorin nicht mit dem Zeigefinger auf wunde Stellen, sondern lässt die Lesenden selbst sie durch Andeutungen und Leerstellen hindurch ahnen.

fliegender Berg
im Fensterkreuz die zweite
Baumreihe längst verschwunden

Seisenbachers Gedichte sind verdichtet, verknappt, manche entfalten ihre stille Wucht auf gerade einmal ein oder zwei Zeilen. Die Leerstellen lassen Denkräume zu, und erschaffen in mir Bilder, die sich dem rationalen Denken entzieht. Diese Art des Schreibens macht für mich die Art von Kunst aus, die ich am spannendsten finde – wenn sie mich nicht nur auf der intellektuellen Ebene herausfordert, sondern mich auch emotional/sinnlich anspricht. Und mich – unter durstenden Hecken sitzend – nicht vorhandene Busse vergessen lässt, windlose Berliner Abendhitze und über meine Arme krabbelnde Ameisen.

Der Band Hecken sitzen von Maria Seisenbacher erschien mit Illustrationen von Isabel Peterhans im Limbus Verlag, Innsbruck 2021. 96 Seiten. Euro 15,-

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