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AUTONOMIE DES KLANGS, EPHEMERES ASYL

AUTONOMIE DES KLANGS, EPHEMERES ASYL

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Martin Kubaczek liest Variation über das Thema Erwachen des litauischen Dichters Tomas Venclova

Peter Handke hat einmal gesagt, er könne pro Tag höchstens vier Gedichte lesen. Mehr schaffe er nicht. Mehr mache auch keinen Sinn, bei dieser Intensität der Suche nach dem Verstehen, dem Zauber der Grammatik und ihrer Phänomene. Bei Venclova bin ich schon weg nach einer Zeile oder zwei. Ich lese, falls es Strophen sind (wie im zufällig aufgeschlagenen Gedicht „Ormond Quay“), die erste, und merke in der zweiten, schon bin ich draußen, daneben, entgleist. Der Verstand folgt nicht, auch nicht ein intuitives Hinnehmen im Nicht- Verstehen, wenn ich, in der benommenen Hitze meines Hinterhofs, lese, ein Ozeandampfer würde die Karosserien erweichen. Ich grüble, rätsle, wie soll das gehen? Bis die Augen zurück wandern und ich sehe: nicht Dampfer, sondern „Ozeandampf, vom April“. Verlesen, hitzeblöde im nachmittäglichen Dösen. Aber wie soll ich das Folgende verstehen:

Flussbett, entblößt diese schlammige
und ganz klebrige Ebene wie eine Hand unter Brücken

Venclovas Gedichte wirken wie Kondensate jahrelangen Nachdenkens, sie fordern mich in ihrer Verdichtung und in ihren Bildverfahren, die in ein paar Sätzen zusammenbringen, was sich sonst in Abhandlungen ausbreitet, in geologischen Schichten, Sedimenten, Ablagerungen des Schrecklichen und Anfang von nicht notwendig Schönem (um einmal Rilkes Diktum umgekehrt zu lesen), zwischen Ebbe und Flut gibt es kein Ende, keinen Anfang, nur die Hungersnöte, die Auswanderung, den Aufstand im „Schlammland“.

Martin Kubaczek liest im Garten Tomas Venclovas Gedichtband "Variation über das Thema Erwachen" in der Übersetzung von Cornelius Hell
Foto © Autor

Manchmal flutscht es, und ich rutsche hinein in das Türkis dieser Wellen und Buchten, eingebettet zwischen Dämmen und Klippen, mit salzig auftrocknender Kruste. Lyrik als Präzisionselement der Verdichtung, hier wehrt sie sich gegen Analyse und Konzentration, die rationalen Durchgänge helfen zwar, das Konstrukt zu verstehen, aber ich hoffe auf die Wahrnehmung im passiven Indirekten, drifte dahin bis sich etwas verhakt in einer Begriffs-Fügung. „Seamus Heaney gewidmet“, steht unter dem Titel, so weiß ich, wo ich bin, und vergleiche, sehe linksseitig im Original (die ersten vier Gedichte des Bandes sind zweisprachig abgedruckt), das an den Namen angehängte -ui in „Seamusui“ entspricht offenbar unserem „für Seamus“, ein Dativ, wie im Lateinischen, mit dem das Litauische unser „für“ dediziert, „dem Seamus“ zuspricht. Antike und Gegenwart unterwandern und durchlüften einander, der Mythos migriert über die Meere, lokalisiert sich am schlammigen Ufer in Dublin. Odysseus ein Bootsflüchtling? Zwischen dem Migranten Venclova und seinem illegale immigrierten „Zwilling“, einem jungen Litauer, der in der Bar aus James Joyce‘ Ulysses arbeitet, findet sich am Uferdamm „der Sirenen berühmtester Schlupfwinkel“, das Lager der Kirke.

Venclovas Europa ist eine gefleckte Landkarte, gesättigt und angesogen mit Ausdruck, Erfahrung, Horror und Hochkultur. Bloodlands, durchströmt, durchwandert, durchzogen, durchmischt, mit Friedenslücken im Kontinuo des Schreckens.

Europa, verwahrlost, gehüllt in ein raues Laken

lese ich da. Das Gedicht als Speicher, der vielen Dinge, der Zeit und der Gebärden, der Verbrechen und des verlorenen Trosts, der Momente des Zerreißens („das Geknatter der Laster am Morgen“, „die kreischende Möwe“ „da raschelt die Bucht“, „der Weingarten schnattert“) und der Desillusion, die sich noch der idyllischsten Antike-Klischees annimmt –

die Moore des Nordens oder das blauende Ufer Ioniens, wo man das Rudern im Meer 
auch schon satthat 

Ich senke den Kopf, lausche dem nach, sitze da, auf der Couch in meinem Hinterhaus, im Hof die Stimmen der syrischen Bootsflüchtlinge, das Babygeschrei, die zwitschernde immer heitere Stimme der Studentin aus Eritrea voll Zukunft, die Stimme der erschöpften Trauer und Weisheit des alten Mannes, der einer Bekannten aus seinem Herkunftsland hilft, keiner ginge freiwillig, wenn er nicht muss, sagte er, und wir verneigen uns, die Hände vor der Brust.

Verstehe ich jetzt die „ganze klebrige Ebene wie eine Hand unter Brücken“? – Nein. Muss ich sie verstehen? Ich überlese Stellen, die ich nicht begreife, gehe darüber hinaus, wie man vom Brückenkopf hinaus baut ins dunstige Ungewisse, in der Hoffnung auf ein Gegenüber, ein Aufsetzen des Brückenbogens auf dem Festland. Nächste Seite: Und finde die Antwort im erwägenden Nachwort des Übersetzers Cornelius Hell, im entgegenkommenden Verstehen, in der Bekenntnis kompetent scheiternder Versuche der Übertragung von Wunde und Wunder, Widerstand und Widersetzung, Rhythmen und Reim, in ihrer komplexen Qualität. Was ihm, dem Übersetzer, zuletzt den Weg gewiesen hätte, wäre dieses Zitat aus Venclovas Gedicht gewesen:

Im Klang ist Klarheit.

In der summenden Trance der glühenden Nachmittage versuche ich es im diffusen Lesen der klingenden Namen. Ich verstehe manche Sätze nicht, aber ihr Klang schmiegt und schwingt und legt sich an, umhüllt, gelliiert aromatisch, kühlt und entspannt. Das Gedicht ist Leo, Schutzraum, Asyl, ist helle, klare, lichtdurchflutete Zelle, Transparenz aus der Not nicht gesuchter gedanklicher Autonomie.

Preziositäten sind auch die Anmerkungen des Autors zu seinen Gedichten im Anhang: Mal ein Satz oder zwei, dann wieder halbe Seiten mit Hintergründen eines Gedichts und seiner Entstehung. Im harten Schnitt finden sich da Hinweise zu Mythen, Personen, Einflüssen und Ereignissen. Zwischen Biographie („Von Kotor aus telefonierte ich oft mit meiner Mutter, die im Jahre 2007 verstorben ist. Ephemeriden sind Eintagesschmetterlinge“ im Gedicht „Statt eines Telefonats“), zu „wirklicher Begebenheit“ (die einem widerfährt, wenn man zu keinem günstigen Urteil abgeführt wird), oder Trivia historischer Figuren („Meister Radovan, über den kaum etwas bekannt ist, schuf im 13. Jahrhundert das Portal der Kathedrale von Trogir, Dalmatien. Denselben Namen trägt auch der ‚Stiefsohn des Hasses‘, der Kriegsverbrecher Radovan Karadžić“), so werden hier geologisch- geographische und politisch-soziale Katastrophen in ihren Auswirkungen parallelgeführt.

Wie hält man das aus, ohne zynisch zu werden? Mit welchem Glauben, mit welcher Entscheidung? Mit „A Valediction Forbidding Sorrow“, als „Abschiedsrede, die Traurigkeit verbietet“, setzt der Band ein mit seinen 33 (vom Übersetzer wunderbar in Absprache mit dem Autor) ausgewählten Gedichten, die beispiel- und lückenhaft die Summe der Für- wie Widersprache im Lebensbogen Venclovas erkennen lassen. Fassung im komplexen Erfassen, um sprachlich Halt zu finden im Klingen und Verklingen in der lyrischen Selbst-Aufhebung. Statt Folter und Kerker, statt der Urnenhalle der Begriffe, hier das weiche Schmerzhafte, das Formende im Ephemeren, Flüchtigen.

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Da ist eine Stimme, die über angebliche Kausalitäten und ihre casualities hinaus die Stimmen jener weiter trägt und an sich bindet, die schaukelnd zur Orientierung dienen, orange leuchtende Bojen im ozeanischen Dampf: John Donne, François Villon, James Joyce, Dante, Heraklit, Plato, Mandelstam, Vergil – so springen sie in dichter, loser Folge durch ihre Epochen und Stile, sind immer gegenwärtig als babylonisches Zwitschern und Schwirren, ein Pfingstfest im Triumph der Übersetzung und der Lust am Insistieren. Wie gut, solche Beispiele des Beharrens zu haben, ohne Suche nach Ausreden und falsche Antworten auf das Wie, Wozu und Warum; in ihrem Klang verweile ich im Gedicht „Extra urbem“ unter dem Olivenbaum

So lasst uns horchen
auf ihre leise Stimme, die nicht stumm ist.

Nachtrag: Tomas Venclovas Variation über das Thema Erwachen war im Juni auf Platz eins der ORF Bestenliste. Grund genug, darauf einzugehen, nicht gerade alltäglich für einen Lyrikband: Kondensate von historischen, mythologischen, kulturellen Dingen, ausgehend von biographischen Erfahrungen des ins Exil gezwungenen, spät zurückgekehrten Autors, aus dem Litauischen übersetzt von Cornelius Hell, teils aus Typoskripten nachträglich überarbeiteter Fassungen Venclovas, der an seinen Gedichten häufig auch nach deren Erscheinen noch weiter daran arbeitet.


Tomas Venclova ist Litauens Stimme in der Weltliteratur. Ein lakonischer Elegiker und moderner Klassiker.“ (Carsten Hueck, Deutschlandradio Kultur) Er wurde 1937 in Klaipėda (Litauen) geboren und war nach seinem Studium zunächst Lehrbeauftragter für Literaturgeschichte und Semiotik in Vilnius. In den 1970er Jahren engagierte er sich regimekritisch in der Bürgerrechtsbewegung. Während seines Aufenthalts in Berkeley 1977 wurde ihm die sowjetische Staatsbürgerschaft aberkannt, und er erhielt politisches Asyl in den USA; ab 1980 lehrte er slawische Literatur in Yale und übersetzte Anna Achmatowa, Boris Pasternak, Joseph Brodsky, Ossip Mandelstam u.a. ins Litauische. In seiner eigenen Poesie beruft er sich auf die große Tradition der europäischen Literatur – von der griechischen Klassik bis zur Moderne – und beschwört lakonisch, mit kristallklarer Eleganz und feinem spöttischen Witz die heilende und in die Form rettende Kraft der Sprache. 

Cornelius Hell, geboren 1956 in Salzburg, lebt als Autor in Wien und hat u. a. über 300 Kultur-Sendungen für den ORF gestaltet. Für seine Übersetzungen aus dem Litauischen erhielt er 2010 den Hieronymus-Preis des Verbandes der Literaturübersetzer und des Kulturministeriums der Republik Litauen sowie 2019 den Österreichischen Staatspreis für literarisches Übersetzen.

Der Band Variation über das Thema Erwachen von Tomas Venclova erschien in der Übersetzung von Cornelius Hell und einem Nachwort von Michael Krüger im Carl Hanser Verlag, München 2022. 112 Seiten. Euro 20,60

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