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Schreiben gegen den Uhrzeigersinn

Schreiben gegen den Uhrzeigersinn

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Johannes Tröndle liest Elke Laznias fischgrätentage


die Tage einfrieden verdichten jedes
zweite Wort streichen auch jedes erste
ich möchte Luft schreiben und atmen

Konzentration auf das Wesentliche spricht aus diesen Zeilen. Sie markieren den Beginn eines der rund fünfzig freistehenden Gedichte im ersten Teil von Elke Laznias Band; ein Reduzieren bis auf die Essenz („Luft schreiben“), um in den Folgestrophen wieder Substanz zu gewinnen: „möchte Haut schreiben“ heißt es hier zunächst, dann „Geruch“, „Boden Erde Schmutz“ und „Klang schreiben“, bevor das lyrische Ich direkt ein Du adressiert: „und deine Stimme deine Stimme / ich möchte dich schreiben“.

Das Motiv des Schreibens wird in einem der sechs Gedichtzyklen, die den zweiten Teil des Bandes bilden, erneut aufgegriffen und erweitert: „ich schreibe den / Geruch von frischgewaschener / Wäsche und Fisch“, heißt es hier, oder „ich schreibe den Klang / wenn frisches Brot bricht“, oder „ich schreibe die aufgebahrte / Tote im Nebenzimmer“.

Cover © Verlag müry salzmann

Nähe und Intimität, Befremden und Bitternis

fischgrätentage ist der Band betitelt, und die Frage, was bleibt, was überdauert (wie die Gräten beim Fisch) ständig präsent. Der Tod eines nahen, älteren Familienangehörigen, eigentlich der Prozess des Abschiednehmens, beginnend mit Gedächtnisverlust und Pflegebedürftigkeit der Person, bis zum Sichten der Erinnerungsstücke nach deren Ableben, ist Generalthema des Buchs.

Schicht für Schicht salbe ich die
Zeit auf deinen Körper reibe
sie ein im Uhrzeigersinn

heißt es an einer Stelle – und gleich im nächsten Gedicht:

wir schütteln Erinnerungen aus dem
Ärmel du erzählst und grüßt die Toten
unterm Bett und hinter staubigen Kästen

auf den Schulterblättern schlafen die Pflaster
zwischen den Knien die Polster und unter
deiner Hand andere Geheimnisse wohl

Nähe und Intimität finden poetisch genauso Ausdruck wie Befremden und Bitternis, Risse im Familiengefüge, die nicht mehr zu kitten sind. In einem Gedicht aus dem Zyklus „Blattwerk“ heißt es etwa:

wir wissen was zu Bruch ging
in den Jahren hüten dich als
wären wir ganz geblieben
als gäbe es die Worte nicht
die wir dir verschweigen
einander aber an den Kopf
werfen und die in der
dicken Luft Wurzeln schlagen

Und an anderer Stelle:

du wirst für jede von uns
anders sterben alle sind
mit deinem Tod allein

Verbindungen zwischen Texten

Verbindungslinien zwischen den Gedichten finden sich zahlreich – und bei Elke Laznia auch über diesen Band hinaus. Schon ihre einheitlich aus Komposita gebildeten Buchtitel (kindheitswald, salzgehalt und Lavendellied hießen die Vorgänger) zeugen von formaler Geschlossenheit, bilden ein Kontinuum, in dem die einzelnen Texte wie Ausschnitte aus einem größeren Ganzen wirken. Laznias Bücher pendeln zwischen Lyrik und Prosa, setzen abwechselnd den Schwerpunkt, lassen auch Mischformen in den Gattungen zu – und doch scheinen die Texte, egal ob in Vers- oder Blocksatz, allesamt aufeinander bezogen und miteinander verwandt.

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Der rhetorische Charakter, das Sprechende der Texte, deren Adressiertheit an ein Du, an ein Ihr oder Wir, ist eine weitere Konstante. Laznias Werk kommt dabei fast völlig ohne Eigennamen aus. Zwar ist etwa die zur Sprache kommende Kindheit als Kärntner Kindheit lesbar – in den fischgrätentagen finden sich in Kursivschrift eingestreute Zitate aus Volks- und Kinderliedern, Märchen, Kalendersprüchen, Bauernregeln, es wird ein Reindling, der typisch kärntnerische Napfkuchen, erwähnt, auch einmal die Ortsnamen Villach und Paternion –, aber die äußeren Koordinaten bleiben gleichzeitig so vage gesteckt, dass sie vor dem Geflecht von zwischenmenschlichen Beziehungen, Bindungen und Trennungen, die die Gedichte bestimmen, im Hintergrund bleiben.

Konkrete Erfahrungen (die nicht zwangsläufig solche der Autorin sein müssen) machen Substanz und Dringlichkeit der Gedichte aus, aber das Individuelle wird bei Elke Laznia stets auf eine höhere Ebene gehoben, in etwas Allgemeines – in ein Sprachkunstwerk – überführt. Der Gebrauch von Stilmitteln wirkt dabei nie aufgesetzt. Der erwähnte „Redecharakter“ ist kunstvoll und stilisiert, doch ihre Musikalität entwickeln die Texte ganz organisch aus der Sprache heraus.

„Mutterkraut“ ist der vorletzte, „Milchmädchen“ der abschließende Zyklus betitelt. Mutter-Kind-Beziehungen sind in allen Büchern Elke Laznias präsent – wobei das lyrische Ich sich meist in der Mitte verortet, also Tochter und Mutter gleichermaßen ist. In der Generationenfolge und dem Tradieren von Herkunft findet die Autorin dabei auch ein widerständiges Moment – und einen starken Beweggrund für das eigene Schreiben:

Ich bin die Hüterin unserer Geschichten
oft sind sie jung zuweilen auch alt sie
ticken im Uhrzeigersinn ich halte dagegen

Elke Laznia: fischgrätentage. Salzburg, müry salzmann, 2024, 128 Seiten, Euro 22,–

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