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Es ist alles Poesie

Es ist alles Poesie

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Johannes Tröndle liest Xaver Bayers Poesie


„Es ist alles Poesie“, heißt es an einer Stelle fast lapidar im neuen Buch von Xaver Bayer, und wer die Bücher von Xaver Bayer kennt, weiß, dass hinter diesem wie zufällig am Nebentisch aufgeschnappten Satz mehr steht als die Kaffeehausnotiz, die der Satz zu sein vorgibt. „Es ist alles Poesie“ könnte, auch in dieser Totalität, durchaus ernstgemeintes Credo eines Autors sein, der der faktischen Welt und ihrer alle Lebensbereiche erfassenden Ökonomisierung etwas entgegenzusetzen weiß: schillernde Texte, ambivalente Texte, Texte, die unberechenbar bleiben, etwa wenn sie zwischen Surrealität und Alltagsbeobachtung changieren.

„Es ist alles Poesie“ könnte eine Schreibhaltung charakterisieren, die dem gesellschaftlichen Rationalisierungsdruck widersteht und in einem zunehmend digitalisierten und virtualisierten Alltag andere Betrachtungsweisen ermöglicht; eine Wahrnehmung, die den Blick auf das Unscheinbare, das Übergangene lenkt und der Welt dadurch ein Stück ihrer Rätselhaftigkeit zurückgibt.

Cover © Jung und Jung Verlag

Die Welt ist in den Texten Xaver Bayers dabei ganz konkret – und eine von heute: Es gibt Sonnenschirme, Straßenkehrer, Kranführer, Abfallkübel, Plastikgloben, Waffenlieferungen, Überwachungskameras, Computer, Mobiltelefone, „leere Parkplätze vor abgesiedelten Diskontmärkten“. Einmal heißt es entwaffnend: „Zuerst glaubt man, sie spricht mit der Blume, dann entdeckt man den weißen Stöpsel in ihrem Ohr“. An anderer Stelle wird dem „Singsang eines Muezzin im Handyshop“ gelauscht.

Viele Texte oder Textfragmente scheinen im Unterwegs, im Stadtraum entstanden und der unmittelbaren Anschauung entsprungen zu sein – neben dem anfangs angesprochenen Kaffeehaus etwa in einem Freibad („drei Tage vor Ende der Saison“), in einer Fußgängerzone, an einer Bushaltestelle oder inmitten von Stadtwildnis, Brachflächen. Orte (oder Unorte) finden sich aber auch in der eigenen Wohnung, im Ticken der Küchenuhr, vor dem Bildschirm oder im Betrachten der Fotodateien, die man von sich selbst gemacht hat – und die am Ende alle gelöscht werden.

Dinge des Alltags sprechen lassen

Es sind Dinge des Alltags, die in Xaver Bayers Texten unvermutet zu sprechen beginnen und ihr Geheimnis entfalten – aber wie nebenbei, ohne besonderen Effekt, ohne Zauber und künstlichen Nebel, sondern wie aus sich selbst heraus. Verantwortlich hierfür ist eine Sprache, die weitgehend auf Stilmittel verzichtet und sich in den Dienst der Beschreibung stellt – präzise, nüchtern, klar; eine Sprache, die keine Metaphern kennt, die mit teils fast protokollarischer Schärfe die Dinge auf ihren Begriff bringt. Die Kunst Xaver Bayers besteht darin, ohne große Worte auszukommen und dabei trotzdem aufhorchen zu lassen – etwa wenn von „tätowierten Häuserfassaden“ die Rede ist, von den „fingerbreiten Lücken im Traum“ oder einem „Schlussapplaus, der sich selbst zerknüllt“.

Dass sich in Xaver Bayers mittlerweile zwei Jahrzehnte überspannendem Werk (Romane, Erzählbände, Prosaminiaturen) bis dato kein einziger Gedichtband findet, ist nach dem Gesagten durchaus erstaunlich. Und auch Poesie ist kein „klassischer“ Gedichtband, auch wenn dieses Buch innerhalb des Bayerschen Werks der Idee eines Gedichtbands wohl am Nächsten kommt. Es besteht aus rund einhundert Texten, keiner ist länger als eine Seite, keiner hat einen Titel. Der Flattersatz springt sofort ins Auge und lässt optisch an eine Gedichtform denken, auch wenn sonst keine weiteren lyrischen Merkmale wie etwa eine spezielle Interpunktion, Strophen- oder gar Endreimbildung diesen Eindruck unterstützen. Aber auch der Flattersatz wird bei genauerem Hinsehen nicht (oder sehr selten) aktiv als Gestaltungselement genutzt. Er ergibt sich einfach daraus, dass jeder Satz in einer eigenen Zeile steht bzw. längere Sätze bis an den rechten Rand geführt werden und in der Folgezeile auslaufen.

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Prosagedichte mit verdichteter Satzbildung

Er lässt also etwas mehr Luft zwischen den Sätzen (der Weißraum), und dem entspricht auf inhaltlicher Ebene eine etwa im Vergleich zu Bayers poetischen Prosaminiaturen nochmals verdichtete Satzbildung. Immer noch sind es keine „Verse“ im eigentlichen Sinn, aber nicht alles hier ist ausformuliert, vieles auf zwei, drei Worte verknappt.

Jedes der Prosagedichte (wie man die Texte bezeichnen könnte) steht für sich. Auch wenn sie im Gestus miteinander verwandt scheinen, gibt es keine ostentativen Querverweise oder Wiederholungen, keinen Einstieg, der den Faden von zuvor wieder aufnimmt. Was die Texte aber zusammenhält, ist die einheitliche Perspektivierung: Es sind keine Ich-Gedichte, sie stehen auch nicht in der dritten Person, sondern in der unpersönlichen und ungewöhnlichen „man“-Form. „In der Nacht wacht man von den Blitzen auf“, so lautet etwa die erste Zeile in diesem Buch. Dieses „man“ markiert Distanz und steht in reizvollem und mitunter irritierendem Kontrast zu dem schon beschriebenen poetischen Blick, der den Dingen ganz nahe rückt: „doch umso näher man sich kommt, desto größer wird auch die Entfernung“, wird das Paradox einmal auf den Punkt gebracht.

Auf dem Cover-Foto des Buches sieht man – verschwommen – das Wiener Straßengrau in einer Auslage oder möglicherweise einem leeren Geschäftslokal gespiegelt. Direkt hinter der Scheibe ist ein Fliesenboden und eine direkt an das Glas gerückte Zimmerpflanze erkennbar: eine Überblendung von Räumen, die sich auch in den Texten immer wieder findet, etwa zu Beginn des folgenden Gedichts, das hier als Einladung an die Lesenden stehen soll, in Xaver Bayers Poesie einzutauchen:

Das Innen und das Außen haben Platz getauscht, 
nur die Tür geht in dieselbe Richtung auf wie immer. 
Bevor man aus dem Freien eintritt, zieht man sich Jacke und Schuhe 
an und löscht die Lichter.

Xaver Bayer: Poesie. Jung und Jung, Salzburg, 2023. 96 Seiten. Euro 22,–

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