Isabella Breier
provisorisch durch den Wind (… auf dem Weg zu einem wunderlichen Westkykladenwochenendsgedicht)
… Samstag … … eins … das Gedicht, dem ich hinterherrief, als ich unterm Baum erwachte – abends, am Meer –, und den Schatten seines Umhangs sah, zwischen Tamarisken … es wandte sich nicht nach mir um kann sein, dass es taub ist, kann sein, dass es nichts mit mir zu tun haben will, nicht unter Menschen zumindest jedenfalls hing der Schatten lang in der Luft, zog den Erdpfad rauf, Richtung Pensionszimmer … zwei … doch in der Unterkunft ist kein Gedicht, nur ein Folder, über und über mit Superlativen bei „göttliche Momente für die Ewigkeit“ hielt ich – sehr menschlich – inne, und während ich mich frag, was ich denn – als Gegengabe – von der verwöhnten Ewigkeit krieg, wenn ich für sie in der grellen Sonne x Hügel besteige und längst verlassene Klöster durchstreife, ich, die ich älter werd’, alt, und irgendwann tot, holt mich die Frau vom Balkon nebenan ins Hier, ins Jetzt zurück, wieder nach draußen, zur hinteren Bucht … drei … nun riech ich schon die klebrigen Finger der ersten Verse plus den Proviant im Rucksack der letzten Strophe – Thymian, glaube ich, Wildkräuterzeugs, gebratene Fische … kann sein, dass ich Gespenstern nachrenne, einfach hungrig bin *** Ich bin auf der Suche nach diesem Gedicht, es war kein Gespenst, das weiß ich genau, ich konnte sie fassen, die Silhouette – fast, fast –, links vom Zitronenbaum, vor dem kaputten Fensterladen. Es schlendert dahin, oben, bei den Windmühlen, das windige Gedicht, wenn ich mich beeile, dann treff ich es noch, bevor der Bus abfährt, der letzte, am Sonntag. *** … Sonntag … als ich zu den Windmühlen kam, war vom Gedicht keinerlei Spur, ich spähte in jedes winzige Fenster, schlich sogar zum Bootswrack hin, das mitten in der Macchia lag, pfiff auf den Bus und kehrte ein, in eine Kammer einer Mühle dort hatt’ ich wahrlich nichts verloren, wohl auch kein Gedicht zu suchen, ich blickte raus, aß meine Kekse, griff nach dem Vokabelheft … υποχρεώνω, υποχρεώνομαι … … προκαλώ, προκάλεσα … … ισχυρίζομαι, ισχυρίστηκα … … ευχαριστώ που μου το θύμησες … … ασχολούμαι, ασχολήθηκα … ντρέπομαι, ντράπηκα … μικροαστικός … σαρκαστικός … … υποφέρω, υπέφερα … είναι για κλάματα … … υποφέρω από τη ζέστη … … δεν υποφέρω τα σχόλια του … zumindest den „Rhythmus“ … hätte ich schon …
ein greiser Grieche stand dann da, (…) und ich geriet aus meinem Rhythmus, (…) er fragte, ob man helfen könne, (…) ich sagte: ja! erstens suchte ich ein Gedicht, (…) zweitens wüsst’ ich gern, ob’s denn vielleicht (…) einen Fußweg geb’, zu dem Dorf jenseits des Felsens (…) er sagte, das Letztere wisse er nicht, (…) die Söhne hätten nämlich ein Auto, aber (…) – was das Gedicht beträfe – … (…) da müsste ich wirklich präziser werden, (…) hier pilgerten viele Zeilen vorbei, (…) ganz zu schweigen (…) von Silben und Lauten (…) noch vorhin, vor drei, vier Sinkflügen tagträumender Möwen (…) wär’ ein behäbiges abgehoben, (…) mit Gehstock, Melone, erhabener Stimme, (…) Wim-pern-schlä-ge deklamierend (…) und irgendwas (…) von wegen (…) in sich ruhend (…)
zumindest den Rhythmus hätte ich schon

Zuletzt erschien von Isabella Breier: mir kommt die Hand der Stunde auf meiner Brust so ungelegen, dass ich im Lauf der Dinge beinah mein Herz verwechsle. Lyrikband in zwölf Kapiteln. Mit Illustrationen von Hannah Medea Breier. Edition fabrik.transit, Wien 2019. 328 Seiten. Euro 17,-
