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Nur wer Verstand hat, kann den Verstand verlieren

Nur wer Verstand hat, kann den Verstand verlieren

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Lukas Meschik liest Richard Schuberths Die Gedichte


Richard Schuberth bespielt alle literarischen Gattungen, wobei jene des Essays derzeit wahrscheinlich am präsentesten ist. Als scharfzüngiger Beobachter und Kommentator des Weltgeschehens wird er nicht müde, Denklust und Ambiguitätstoleranz einzufordern, unter seinen zahlreichen Büchern sticht ein zweibändiges Werk über Lord Byron und den Griechischen Unabhängigkeitskrieg heraus, das über 1500 Seiten stark ist.

Cover © Drava Verlag

Schuberth bleibt ein vehementer Verfechter der Aufklärung, gibt der Leserschaft Werkzeuge in die Hand, um den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu schaffen, wie Kant sie uns ans Herz legt.

Wenn anderswo längst Zynismus und Verbissenheit ausgebrochen sind, ist Schuberth das Lachen noch nicht vergangen, den identitätspolitischen Verirrungen der Gegenwart begegnet er mit präzise stichelndem Humor. Man läge aber falsch, ihn gedanklich rein als Autor von Sachtexten abzuspeichern, zu seinem Œuvre gehören Romane (zuletzt, 2025, etwa „Der Paketzusteller“) genauso wie Drehbücher und eben Gedichte. Ein im Drava Verlag erschienener Band zieht vorläufig Bilanz und versammelt Gedichte, Balladen, Haikus, Chansons, Songs und Couplets aus knapp vierzig Jahren, entstanden zwischen 1987 und 2025.

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die realität machte uns angst


die realität machte uns angst
wir entflochten sie
und sperrten ihre elemente in einzelzellen
wo sie voneinander isoliert
in hungerstreik traten
diese zellen nannten wir fortan begriffe
und jede mumie darin das begriffene
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Kopf und Herz

Die ausgewählten Texte sind grundsätzlich nach Kategorien geordnet, darin wieder gibt es jeweils mit Zeiträumen versehene Kapitel wie „Adoleszenzgedichte (1987–1989)“ oder „Vermischtes (2000–2020)“. Auch „Neue Gedichte“ aus dem Jahr 2021 sind zu lesen, sogar „Noch neuere Gedichte“ aus dem Jahr 2025, damit der Buchtitel auch wirklich einlöst, was er verspricht. So entsteht eine stimmige, leicht sprunghafte Chronologie, mit der sich ein Menschen- und Künstlerleben nachvollziehen lässt. Dass es durchwegs sehr politisch zugeht, überrascht nicht. Hier schreibt jemand, der gerne denkt und sich das Denken nicht verbieten lassen will, gleichzeitig noch andere dazu ermuntert, es ihm gleichzutun. Im positiven Sinne gibt es hier keine Gefühlsduselei, die Texte sind, wenn man so will, in einer Kopfsprache verfasst; umso erfreulicher, wenn einmal der Verstand Pause macht und das Herz übernimmt.

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Dann bleib ich bei dir


Ich zähle bis drei
Du bist noch immer nicht weg
Dann bleib ich bei dir
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Nicht einmal „da“ sein muss jemand, manchmal reicht es ja schon, wenn jemand „noch immer nicht weg ist“ – das muss Liebe sein. Es sind solche und ähnliche subtilen Warmherzigkeiten, die einem die lyrische Stimme nahbar, vertraut, sympathisch machen.

Geübt an Songs und Chansons ist Schuberth dem Reim nicht abgeneigt, schon das erste abgedruckte Gedicht wartet mit einem ABCB-Schema auf, später findet das ABAB-Schema gern Verwendung. Ebenfalls früh wird es gesellschaftskritisch, in „Fortschritt“ aus dem Winter 1988 resümiert bereits der junge Schuberth trocken: „Wir ersannen das Geld, das Fertigteilhaus (…) die Moral und die Norm (…)“, aber leider können wir „vernunftbegabten Cerebralzwerge“ uns „nur auf geraden Bahnen bewegen“. Zwar haben wir „den Kannibalismus überwunden“, aber nur weil es „subtilere Wege“ gibt, „einander aufzufressen“. Da traut jemand seiner Spezies nicht ganz über den Weg; und man wäre ja auch ein schöner Depp, wenn man es täte.

Gerade die ersten herzeigbaren lyrischen Gehversuche lesen sich reichlich abgeklärt, später zieht zwar nicht viel, aber wenigstens ein bisschen Gelassenheit ein. Vielleicht hat Schuberth es einfach aufgegeben, enttäuscht zu sein, weil die Menschheit sich allzu hartnäckig weigert, aus ihrer Geschichte zu lernen. Resigniert oder desinteressiert werden die neuen und neuesten Gedichte dabei keineswegs, sie rütteln noch an den beständigen Ungerechtigkeiten und Vertrottelungen der Welt, beschäftigen sich mit modernen Phänomenen wie Bingewatching, klingen dabei etwas milder und weiser – ein natürlicher Verlauf. Da macht sich jemand keine Illusionen, den Kampf jemals gewinnen zu können, käme aber niemals auf die Idee, ihn bloß deshalb nicht mehr zu führen.

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Reise in die Vergangenheit

Ich möchte mich noch
einmal erleben, wie ich
mit zwanzig, dreißig,
wie ich mit vier war.

Tu es nicht, sprach die Fee,
nichts ist so,
wie du es erinnerst,
das waren andere Menschen.

Genau darum will ich das,
sprach ich zur Fee,
nimm mich dorthin mit,
nur für Minuten.

(…)
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Performance

Es gab eine Zeit, da stand Richard Schuberth selbst als Kabarettist auf der Bühne, und auch heute noch zeigt er regelmäßig seine Stärken als Performer. In „What’s Your Nationality? I’m a Drunkard“ gestaltete er etwa gemeinsam mit der Schauspielerin und Sängerin Christina Scherrer sowie der Musikerin Jelena Popržan eine „literarisch-musikalisch-diskursiv-satirische Revue für Nationshasser, Heimatbesudler und Volksschädlinge“. Mit Popržan verbindet Schuberth eine langjährige Zusammenarbeit, er schrieb ihr zahlreiche Songtexte auf den Leib, von denen einige Eingang in den Sammelband gefunden haben.

See Also

Eine Mini-Operette wie „Turbofolkqueen or Slavica the Cleaning Maid“ entfaltet natürlich erst live ihre volle Wirkung, wo der mehrsprachige Text zum Leben erwacht. (Auch der Rezensent besuchte zur Recherche eine der seltenen Darbietungen.) Eine jugoslawische Putzfrau wird von einem hochnäsigen österreichischen Ehepaar ausgenutzt und sehnt sich nach dem Wochenende, an dem der Schmetterling endlich seinem Kokon entfliegt und in der Balkandisco zur beneideten „Turbofolkqueen“ wird. Oft sind es wie hier die vermeintlich „kleinen“ Schicksale, die eine Aussage über die Gesellschaft treffen, Schuberth beweist ein verlässliches Sensorium für allgemeingültige Brüche und Verschiebungen. Dankenswerterweise werden jeder Song und jedes Couplet in Kontext gesetzt, der Autor erzählt jeweils noch etwas zur Entstehungsgeschichte der einzelnen Werke. Das ist jeweils hilfreich und jedes Mal interessant. Besonders spannend zu lesen sind bisher unveröffentlichte Songtexte, etwa aus dem leider nie verwirklichten Film How To Kill A Hitler Baby. Die musikalische Schluss-Szene entsteht so wenigstens vor unserem geistigen Auge.

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…
Every Friday I scrub the floor there,
clean the toilet and feed the cat.
Magister Moser takes too much care
of me, but he is too fat,
Like the cat.

But I can’t wait til Saturday,
when butterfly flies from cocoon away,
The greatest transformation the world has seen:
little cleaning maid to hottest Turbofolkqueen.
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Reime mit dem Wörterbuch

Damit die Besprechung nicht zur unergiebigen Lobhudelei verkommt, sei kritisch erwähnt: Kleine Irritationen entstehen bei den englischen Texten, die manchmal nicht ganz korrekt wirken. Ein Beispiel: „They are just Zombies wanna eating your brain“. Die umgangssprachliche Abkürzung „wanna“ steht ja bekanntlich für „want to“, aber „want to eating“ geht sich grammatikalisch einfach nicht aus. Überhaupt wird sich da oft an einem pseudoauthentischen Gossen- oder Ghetto-Slang versucht, der vom transportierten Inhalt nicht gedeckt ist, und ein legeres „Cause“ braucht dann doch den Auslassungsapostroph, wo der Anfang des „Because“ eingespart wird. Eingestreute „wi’ me“ oder „drinkin’“ wirken seltsam deplatziert. Manche Reime klingen wie mit dem Wörterbuch zusammengesucht: lifestyle / dungpile; sabotage / vernissage; injury / refugee. Der Kontrast wird deutlich, weil ansonsten ja mit dem sprachlichen Skalpell gearbeitet wird. Wie immer drückt man sich dort am sichersten aus, wo man nicht nur zu Besuch ist, sondern zu Hause – und Schuberth fühlt sich ja ohnehin in fast allen Jargons und Themen heimisch, da bleibt die Auswahl groß.

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Rosenpoesie

Es gibt lyrische Bilder
Die nutzen sich nie ab
Man verzeiht ihnen die Phrase
Weil sie überzeugend sind.

So zum Beispiel von den Männern
Die unsre Rosen pflückten
Aber die Dornen uns beließen.

Bei mir war’s umgekehrt:
Man knickte mir die Dornen
Und ließ mit wehrloser Blüte
Mich zurück.
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Nur wer Verstand hat, kann den Verstand verlieren

Ein mitgeliefertes Geleitwort sowie poetologische Schlussbetrachtungen sind eine hervorragende einordnende Ergänzung. Es fallen Sätze, die Dauer anstreben und ihre Gültigkeit behalten. Da heißt es etwa: „Wer aber wirklich etwas zu sagen hat, wird eine Form suchen, die verständlich ist, aber nicht um den Preis schneller Eingängigkeit.“ Schuberth hat sich dieser Aufgabe seit jeher gestellt und genau diese Form auch gefunden.

Das Gedicht „Einfacher Mann von der Straße“ aus dem Jahr 2017 endet mit der schönen Zeile: „Nur wer Verstand hat, kann den Verstand verlieren“. Ein gutes Motto, ob nun für diesen Band oder für das Leben selbst. Wer also wieder einmal das Gefühl hat, am Wahnsinn der Welt den Verstand zu verlieren, kann sich immerhin damit trösten, dass er wenigstens noch einen hat. Nicht alle können das von sich behaupten.


Richard Schuberth: Die Gedichte. Gedichte, Balladen, Haikus, Chansons, Songs, Couplets 1987–2025. Drava Verlag 2026. 180 Seiten. Euro 21,–

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