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Muse, gib Flossen den Dichterinnen und Dichtern

Muse, gib Flossen den Dichterinnen und Dichtern

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Alexander Kluy liest Ondrej Cikáns Die Kinder der Riyun


Der Poeta doctus, der gelehrte Dichter, ist nicht unbedingt ein Phänomen der Früh- und Hochmoderne, ein Ezra Pound etwa, der auf okzitanische Troubadoure zurückgriff und sich als poetischen Bezugspunkt seiner Cantos die homerische Antike erwählte – und schon mit dem Auftakt, den allerersten zwei Zeilen „And then went down to the ship, / Set keel to breakers, forth on the godly sea“, klangspiegelnd die Odyssee, Buch 11, aufnahm –, erst recht nicht der frühen oder späten Postmoderne, zwischen dem (angeblich) polyglotten Wiener H. C. Artmann und dem real polyglotten Schweizer Ralph Dutli, der jüngst einen Gedichtband mit ausgewählten Poemen vorlegte, die mit eigenen Übertragungen aus sieben Sprachen, von Latein bis Russisch, und aus 2000 Jahren, von Catull bis Joseph Brodsky, korrespondieren. 

Cover © Limbus Verlag

Sonderfall und Hyperfusion

Und doch ist, bei und zwischen all diesen Namen, Ondrej Cikán diesbezüglich ein Sonderfall. Er ist nicht nur studierter Altphilologe, sondern praktizierender Altgriechisch- und Lateinlehrer, zudem Autor, Übersetzer – und als solcher 2023 mit dem Österreichischen Staatspreis für Translation ausgezeichnet – und: Er ist Verleger. In seinem Kétos Verlag, benannt nach einem mythischen Meeresungeheuer, sind in Neu- oder in Erstübersetzung Arbeiten tschechischer Autorinnen und Autoren des 19. Jahrhunderts wie der surrealistischen Moderne der zwanziger und dreißiger Jahre erschienen. 

Im Verlagsprogramm finden sich aber auch Werke der Antike. Demnächst etwa ist eine kommentierte Neuübertragung der Ephesiaka Xenophons avisiert. Und um die Spannweite des Engagements extra zu betonen, nur wenig später in zwei Bänden die Astronautilia Jan Kresadlos, 7000 Hexameter auf 950 Seiten. Diese gesamte Sternfahrt, eine fabulös abenteuerliche Travestie, wird nicht nur zweisprachig, also auf Tschechisch und Deutsch erscheinen, sondern dazu noch auf Altgriechisch, weil der Prager Dichter und Psychologe sein Original-Manuskript in dieser Sprache verfasst hatte. 

Mit solchem im Rücken überrascht Cikán dann in Die Kinder der Riyun dennoch, und zwar immer wieder. Nicht nur finden sich Langgedichte, die metrisch akkurat antiken Versvorgaben folgen – im Nachwort verweist er zusätzlich auf Guillaume Apollinaires Langpoem Zone, welches in Frankreich noch heute zum Baccalauréat, als Matura-Prüfungsstoff, gelesen wird. All das fusioniert er auf treffliche wie überaus gekonnte Art und Weise mit Motiven aus japanischen Animes und Mangas. Einen optischen Spiegel findet der Inhalt in der Covergestaltung, einem in sich rhythmisch variablen Muster. Und nicht zu vergessen: Cikán kann auch Sonette schreiben!

(…)
Sage mir, Muse, die Zeit
   mit ihrem gesamten Gestammel.
Singe sie so, wie sie ist,
   nur lass auch die Liebe erklingen.
(…)

Rhythmisch gebunden, macht sich Cikán auf große poetische Fahrt. Da geht es um Mythologisches, um mythische Vereinigungen, um Irrfahrten, die in ihrer formalen Präzision wie besonders in ihrem gewitzten Synkretismus, der Verschmelzung gänzlich unerwarteter Elemente, hier zweier Namen, die bis dato in Trochäen oder Jamben keinerlei Erwähnung fanden, nicht cineastischen Neuadaptionen entsprechen mögen:

(…)
Singe heute mir auch
   von der Irrfahrt des Andoreasu
Und vom schimmernden Mut
   der nachthimmeläugigen Riyun.
(…)

Kosmisches und Weltliches, Verfehlungen und Verfehlendes, Asiatisches und Osteuropäisches finden bei Cikán zusammen, scheinbar antiquierte und lyrisch hinlänglich disqualifizierte Termini wie „Himmelszelt“ und das kriegsführende Russland, die Ukraine und der „Arsch / Katharina der Großen“, auch der „kleine Vladimirovic“, womit Putin gemeint ist, dem „ein kleiner Heribert“, womit ein russophil kleinbürgerlicher Deutscher gemeint ist, das Gehänge kraulen will, welches aber gar nicht vorhanden ist. Grimm und Spott, Hohn und Wortgewalt sind auf diesen 96 Seiten enge, sich immer wieder touchierende Nachbarn.

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Gestammel der Zeit

Auch das Gestammel kommt zu seinem An- und seinem Vorrecht. Es findet sich eine Anzahl satirischer Gedichte zur Zeit, lies: Gegenwart, die diese sarkastisch auf die Wort-Schaufel nehmen. Im Nachwort verweist er dafür und dabei erhellend auf zwei tschechische Samizdat-Dichter, auf Egon Bondy, von dem Ende 2023 In Straßenbahnen. Reste eines Epos und andere Gedichte. Totaler Realismus und Peinliche Poesie I, übertragen und verlegt von Cikán, erschien, und auf Ivo Vodsedálek, dessen Am Esstisch. Totaler Realismus und Peinliche Poesie II am selben Tag wie Bondys Band auf Deutsch herauskam. Die zwei tschechischen Poeten nahmen nach 1948 im Sozialismus die Sprache der stalinistischen Unterdrücker und des Propaganda-Newspeaks umstürzlerisch wörtlich und fabrizierten „Totalen Realismus“, der Hohlheit und Lüge umso stärker bloßstellte und dem Hohn auslieferte. 

Ebendies macht Cikán mit der digitalen Neben-Haupt-Welt, wenn er etwa die Unterbrechung durch Lockangebote, Werbespots und Einblendungen, also die Ruptur, thematisiert – und damit indirekt das Prinzip der Ruptur, des Bruchs, bei Apollinaire zitiert – und alles ad absurdum in parodistische Höhen respektive linguistische Tiefen treibt:

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(…)

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(…)
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Fruchtig bis nach Lissabon.
(…)

Zudem gibt es in diesem vielgestaltigen, vielstimmigen Band auch Liebesgedichte, die frisch daherkommen. Und auch, auf Seite 66, ein ganz leichtes, wie hingetupft anmutendes Gedicht in Sonettform, tänzerisch leicht „Träumen“ überschrieben:

(…)
Wie schön ist es zu träumen,
Ohne im Schlamm zu liegen,
Jenes und dies zu versäumen,
Dich aber, Tochter, zu wiegen.
(…)

Ondrej Cikán:Die Kinder der Riyun.Limbus, Innsbruck, 2026. 96 Seiten, Euro 15,–

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