Now Reading
Ewig Sommer

Ewig Sommer

Regina Hilber liest Rolf Bosserts Auf der Milchstraße wieder kein Licht als Sommerlektüre


Allen Unkenrufen zum Trotz genieße ich die heiße Jahreszeit in vollen Zügen: die auf den Kopf gestellten Arbeits- und Alltagsregularien sowie Tagesrhythmen werden hitzebedingt einfach neu aufgestellt und sortiert. Dabei erschließen sich neue (gekühlte) Schreibplätze und Flaniergewohnheiten. Wunderbar ist das, richtungsverändernd und befreiend zugleich!

Wir, die wir im (immer noch) privilegierten Westen aufgewachsen sind, blicken wenig über den ehemaligen Eisernen Vorhang, übertreten nur marginal die Landesgrenzen Richtung Osteuropa. Lieber strömt der West- und Mitteleuropäer zur Ferienzeit in südliche, warme Gefilde. 

Foto Cover © Regina Hilber:

Gar nicht einfach, das Buchcover in 1980er Jahre-Ästhetik in Szene zu setzen. 

Ganz bewusst hatte ich mich in diesem herrlich langewährenden Sommer dazu entschieden, mich wieder einmal nach Osten zu bewegen, nach Polen. Mit im Gepäck für die lange Zugfahrt nach Wroclav und Łódź hatte ich den Gedichtband Auf der Milchstraße wieder kein Licht. Der 1986 posthum erschienene Gedichtband des viel zu früh verstorbenen Dichters (geboren und aufgewachsen in Reschitza, später in Buşteni, in den rumänischen Karpaten lebend) schlummerte schon längere Zeit in meinem Bücherregal. Für die Kurzreise nach Polen erschien mir das eine passende Lektüre zu sein. 

Die Lieder eines sehr bedrängten Spottvogels

Dem rumäniendeutschen Schriftsteller Rolf Bossert war nie das Gefühl eines ewigen Sommers beschert gewesen. Im Gegenteil.

Unterteilt ist der Gedichtband in die drei Abschnitte siebensachen, Neuntöter und Karpaten, gekrümmt. Einer Sommerlektüre entsprechend, tauche ich bewusst tiefer in das zweite Kapitel Neuntöter ein, dessen einzelne Gedichte vielfach als „Lied“ betitelt werden. Vielleicht, weil eine wärmere und damit versöhnlichere Jahreszeit eher zum sinnlichen, singenden Ausbruch einlädt, den von kommunistischen Regularien geprägten Alltag ein wenig in Schach halten kann. Im Vorwort von Guntram Vesper ist dazu von „den Liedern eines sehr bedrängten Spottvogels“ (S. 14) zu lesen:

Juli, Halbzeit


Der Sand ohne Farbe, nur
das Leuchten im Kopf.
Schiffe schleppen lächerliche 
Träume ab, von einer Revolution 
der Sinne. Politik
wird im Schatten gemacht. 
Inventur: Wespen, zähe Soldaten 
in stickigen Flaschenbäuchen;
gramgebräunt drei-vier Kippen;
eine Muschelsohle
voll heiter-unruhiger Asche. 

So kriegen sie uns da hin: 
Noch ein Bier, Jonas, heute
ists sonnig im Wal!


S. 47

Der Wal, als Sinnbild für das riesige Ungetüm der kommunistischen Diktatur, hält der Dichterinstanz zu jeder Zeit den bedrohlichen Spiegel vor: Es mag Sommer sein, ein leichter Juli, aber das politische System gönnt niemandem eine unbeschwerte Auszeit. „Keinem zivilisierten Wesen zumutbare walachische Zustände“ (S. 110) nennt Gerhardt Csejkadie kargen Lebensumstände der rumäniendeutschen Schriftsteller im Nachwort. In dieser von Ambivalenz, Angst und Repressalien geprägten Atmosphäre drohen das lyrische Ich, aber auch der Autor selbst, zu ersticken:

Kopffahrt


Ich fahre guuut
mit meinem Kopf:
mein Kopf rollt üüü
ber die Chaussee

mein Kopf wird vooor 
den Kopf gestoßen:
da überrollt 
mein Kopf den Kopf


S. 59

Rolf Bossert mag an den Nachwehen des unerträglichen kommunistischen Regimes sowie dem anschließenden Verlust der Heimat zerbrochen sein. 1985 stellte er einen Antrag auf Übersiedelung in die deutsche Bundesrepublik, verlor damit die Anstellung als Verlagslektor und durfte keine Texte mehr veröffentlichen. Zuvor waren der Autor und seine Ehefrau Gudrun Bossert als Deutschlehrer in Buşteni tätig gewesen. 

Nur wenige Wochen nach seiner Ankunft in Deutschland wird der erst dreiunddreißigjährige Dichter an einem kalten Februartag im Jahr 1986 tot unter dem Fenster seiner neuen Bleibe aufgefunden. Die genauen Todesumstände bleiben bis heute unaufgeklärt. 

See Also

Erschienen ist der Gedichtband Auf der Milchstraße wieder kein Licht (mit einem graphisch wenig ansprechenden Cover) sechs Monate später im Berliner Rotbuch Verlag, eingeleitet von Guntram Vesper und mit einem Nachwort versehen von Gerhardt Csejka. Vorwort wie Nachwort geben kundig und berührend Einblick in Rolf Bosserts Biographie und Poetologie. 

Nächsten Sommer werde ich wieder einen Schritt weiter Richtung Osten setzen, nach Rumänien. Versprochen. 

©Regina Hilber

Ferien


Palmen im Kopf,
geballte Fäuste im 
Unterleib, blicken wir 
heiter zum Horizont: 

Die Stachelwolke 
kreist um den blauen Planeten, 
unsere schwarze Welt. 

Sand. 
Anderer Sand. 
Und Sand. 

S. 44 

Rolf Bossert: Auf der Milchstraße wieder kein Licht. Gedichte, Rotbuch Verlag, Berlin, 1986, 128 S., kartoniert

Cover © Rotbuch Verlag

Scroll To Top