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Die Dinge beim Namen nennen

Die Dinge beim Namen nennen

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Andreas Pavlic liest Markus Köhles Arbeiterkind


„Wir sind anders“. Mit dieser Feststellung beginnt das neue Buch von Markus Köhle. Nicht nur anders: „Wir sind sogar anderster“, so der Autor weiter. „Wir sind am Anderstern daheim“, heißt es in der dritten Zeile des ersten Gedichts, und über diesen anderen Stern geht es in der Folge. Es handelt sich bei diesem Stern natürlich nicht um die Sonne, er ist auch nicht so weit entfernt und liegt auch nicht irgendwo hinter dem Mond, sondern dieser Stern befindet sich auf der Erde, mitten unter uns. 

Es leben sogar sehr viele Menschen auf diesem Anderstern, in gewissen Habitaten jedoch, wie beispielsweise der Kulturbetrieb eines ist, wird dieser Stern meist über- oder gar ausgeblendet. Darum geht es in diesem Buch. Um es etwas konkreter zu formulieren: Markus Köhle schreibt in seinem Arbeiterkind über seine Herkunft, über soziale Klassen und den Literaturbetrieb. Und er macht dies stilvoll – mal lakonisch, dann sehr liebevoll, mit Witz, einer guten Dosis Härte und einer poetisch verspielten Klarheit.

Nimmt man das Buch zur Hand, fallen drei Dinge sofort auf. Der Titel Arbeiterkind ist in einem glänzenden und leicht spiegelnden roten Schriftzug gehalten, gleich wie die Unterhose des Kindes, das mitten auf dem Cover hockt. Das ist kein Zufall. Stand doch für die Arbeiter:innenklasse die Signalfarbe Rot einst dafür, die Klassenscham selbstbewusst auf die bürgerliche Seite zu verschieben – und natürlich auch für Klassenkampf.

Cover © Ritter Literatur

Neben dem Kopf des Kindes steht: Gedicht. Damit wird einer ersten Einordnung der Textgattung Genüge getan, jedoch gibt der Autor auf der Seite 10 Vorschläge für andere Schubladisierungen: „Nenn’s Essaygedicht / Nenn’s Versroman / Nenn’s Prosapoem / Nenn’s Romanifest (…)“. Dieses Gedicht endet mit dem Hinweis, worum es dem Autor eigentlich geht. „Aber nenn die Dinge beim Namen.“

„Das hat gerade noch gefehlt
dass sich ein Arbeiterkind artikuliert
Immerhin ist es seit Jahrzehnten kein Kind mehr
Ein Arbeiterkind wird immer ein Arbeiterkind bleiben
Das Arbeiterkind in dir
Wird dir immer bleiben“

Herkunft und Aufwachsen

Markus Köhle schreibt über seine Herkunft. Er erzählt von seinem Aufwachsen in einem kleinen Ort in Tirol, von seiner Mutter, seinem Vater und seinen Brüdern. Er schreibt natürlich nicht „Mutter“, sondern „Mama“, denn das, worüber er schreibt, ist zu nahe für Distanzierungstricksereien. Die Mama ist die Familienstütze, sie kümmert sich um alles, hält die kleine und große Familie zusammen und arbeitet. Sie arbeitet ständig und muss noch mehr arbeiten, nachdem Papa, ein Maler und Anstreicher, am Heimweg einen „Arbeitsautounfall“ hatte und sich erst langsam und mühsam wieder ins Arbeitsleben zurückkämpfen muss. Köhle erzählt auch, was ihm nicht in die Wiege gelegt wurde – denn „Wiege gab’s keine / Es gab ein Gitterbett“ –, und welche Kompensationsstrategien er später an den Tag legte, um diese Herkunft zu verbergen. 

In der Soziologie wird hier gern von Bildungsferne und sozial schwachen Familien geredet, wenn hinten und vorne das Geld fehlt und in den Wandschränken die Bücher. Dass dieses Arbeiterkind in einer komplexen und sozial sehr starken Familie aufwuchs, zeigt sich im Zusammenspiel von Mangel und Fülle. Der finanzielle Mangel führt zu einer Fülle an Variationen an günstigen Kartoffelgerichten und mehr noch – schließlich hatte man „nicht nichts“. „Wir hatten das Familien-Uns“.

„Ich habe nicht nichts
Ich habe Eltern, die sich aufgeopfert haben
Ich habe Bildung, die mir ermöglicht wurde
Ich habe es geschafft“

Markus Köhle begibt sich in diesem Buch auf die Suche nach diesem „es“. Was hat er geschafft? Den Übertritt und Wechsel von einer sozialen Klasse in eine andere. Zugleich verursacht dies eine Klassenscham, über die der Autor ebenfalls schreibt. Das Gemeine daran ist, dass sich diese verdoppelt. Zuerst schämt man sich der Zugehörigkeit zu einer niederen sozialen Klasse und verbirgt diese bestmöglich, um vielleicht den „Aufstieg“ zu schaffen, und sobald man diesen geschafft hat, spürt man, dass man in einer Transitzone gelandet ist – nicht ganz hier, nicht ganz dort –, und es schleicht sich eine Scham ein, seine ursprüngliche Herkunft verraten zu haben. 

Der Autor erzählt von diesem Wechsel anhand seines schulischen Werdegangs. Für viele Arbeiterkinder und vor allem, wenn diese am Land aufwachsen, führt nach der Volksschule der Weg zunächst in die Hauptschule, denn eine allgemeine höhere Bildung scheint für Kinder aus dieser sozialen Klasse nicht notwendig, da ja die Lohnarbeit bereits in Rufweite ist. Für Köhle ging es jedoch weiter, in eine weiterbildende Höhere Schule (HAK), um im kaufmännischen Bereich später einmal Fuß fassen zu können. Dass er anschließend noch den Weg weiter auf die Universität einschlug, ist ungewöhnlich. In einem Gedicht schildert er ein Klassentreffen, dreißig Jahre nach der Matura.

„Der Wirtshaustisch ist liebevoll dekoriert
Mit klassenangepasster Menükarte
Und eben Fotos aus gemeinsamen Jahren
Fotos von uns allen
Vor allem von besonderen, gemeinsamen Erlebnissen:
Landschul-, Sport- und Wienwoche
Ich bin da nie mit drauf, weil nie mit

Ich ersparte mir diese klassengemeinschaftsprägenden Wochen
Aber mehr noch sparte ich sie meinen Eltern
Sie hätten es schon aufgebracht, das Geld
Aber ich wusste auch
Kaufmännisch gebildet, wie ich war
Dass es den Überziehungsrahmen strapaziert hätte

Ich blieb daheim“

Vom Poetry Slam zur literarischen Emanzipation

Markus Köhle ist schließlich aufgebrochen – er machte sich nicht nur auf den Weg, um zu studieren, sondern er begann literarisch zu arbeiten und streute dabei gewieft neue literarische Samen in das österreichische Literaturgetriebe: Er wird zum Slammer und Mitbegründer der österreichischen Poetry Slam Szene. 

Dass sein Schreiben darin geschult ist, ist im Buch Arbeiterkind gut erkennbar. Erzählerische Gedichtpassagen wechseln sich mit rhythmisch reduzierten Strophen ab, stakkatoartige Wiederholungen folgen auf knackige Formulierungen mit Gassenhauer-Qualitäten. „Das Gedicht ist eine Wortladung / Mal elektrisierend, mal überrollend / Mal überfordernd, mal erhellend / Mal leicht-, mal unverständlich“ heißt es zu Beginn fast programmatisch. 

See Also

Der Literaturbetrieb ist nicht das „natürliche“ Habitat eines Arbeiterkindes, auch wenn sogenannte Arbeiter- bzw. Arbeiterinnenliteratur in Abständen in Mode kommt. Oder sich dieser in Reflektiertheit übt und Klassismusdebatten fördert. Das Literaturgeschäft ist ein hartes Business, und wer einen bürgerlichen Background und Habitus besitzt, ist auf jeden Fall im Vorteil, gerade auch, wenn es um die finanzielle Rückendeckung geht oder bereits in frühen Jahren die eigene Bedeutung und Wichtigkeit eingeübt wurde. 

Dass dies bei einem Arbeiterkind tendenziell anders ist, zeigt Köhle in einem Gedicht, in dem sichtbar wird, wie sehr eine gewisse Form der Bescheidenheit Ausdruck einer Sozialisierung ist. „Aus Scham davor / Mit der Aufzählung von Nominierungen darauf hinzuweisen / Welche Preise ich alle nicht gekriegt hab / Erwähne ich diese Teilerfolge nicht“. 

Zum Glück verhinderte dieses anerzogene Leise-, Zurück- und auf die Seite treten nicht, dass aus dem Arbeiterkind ein durchaus stimmkräftiger Literaturarbeiter wurde. Wie es dazu kam, darüber schreibt Köhle im letzten Teil des Buches. Im Gedicht X, so sind übrigens alle Gedichte betitelt, geht er vom gar nicht so x-beliebigen Ich zum Wir über und beschwört fast hymnisch eine kollektive Emanzipation.

„Wir beginnen zu reifen
Wir beginnen zu wachsen
Wir beginnen, eine Bühne zu schaffen
Wir treten auf, wir veranstalten, wir werden eine Szene

Wir leisten es uns, dieser Szene treu zu bleiben
Und die Augen rundum nicht zu verschließen
Wir leisten es uns, unseren Literaturbegriff zu erweitern
Wir leisten uns einen kritischen Blick
Auf die Strukturen im Literaturbetrieb
Und kreieren eigene
Wir leisten es uns, die Literaturlandschaft genau zu betrachten
Und neue Wege einzuschlagen
Wir schlagen selbstbewusst Schneisen
Ins konservativ verwurzelte Veranstaltungsdickicht
Wir leisten es uns, monatlich Poertry Slams zu organisieren
(…)
Wir leisten es uns
Wir können nicht anders
Als Literaturarbeiter*innen zu sein“

Jede soziale Klasse hat ihren Ereignishorizont. Dahinter verschwindet und verschwimmt alles. Markus Köhle zeigt uns jenen (s)einer Herkunftsarbeiterfamilie. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es zwischen sozialen Klassen keine Hierarchien und unterschiedlichen Grundausstattungen an Ressourcen sowie Möglichkeiten gibt. Das Gegenteil ist der Fall, wie die Gedichte auch bezeugen. Der Autor zeigt uns ebenso, wie leicht diese soziale Ungleichheit – auch und besonders im Kunst- und Kulturbereich – verdeckt wird, wird sie nicht erzählt, in welcher literarischen Form auch immer. So wird das Arbeiterkind zu einem Glücksfall für die Literatur.


Markus Köhle: Arbeiterkind. Gedicht. Ritter Verlag, Klagenfurt, 2026. 128 Seiten, Euro 21,–

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