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Schreiben ist ein Stehen auf verlorenem Posten

Schreiben ist ein Stehen auf verlorenem Posten

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Udo Kawasser liest den Gedichtband Einübung in die Freude / Exercices de joie. Gedichte (Klingenberg) der Kanadierin Louise Duprés, die am 5.10. bei der diesjährigen Poesiegalerie IM FOKUS auftritt.


Mit der 1949 in Sherbrooke (Québec) geborenen und in Montreal lebenden Kanadierin Louise Dupré hat der Verlag Klingenberg in Graz eine führende Stimme des weiblichen Schreibens von existentieller Kraft aus der französischsprachigen Provinz Québec in sein Programm geholt. Aber es ist auch ein Verdienst ihrer Übersetzerin, der Literaturwissenschaftlerin und emeritierten Universitätsprofessorin für Romanistik Ursula Mathis-Moser, dass wir nun auch im deutschen Sprachraum allmählich mit dem schon auf über dreißig Bücher gediehenen Werk der vielfach ausgezeichneten Autorin bekannt werden.

Eine zentrale Autorin der Frankophonie

Von ihren Kollegen wird Dupré als eine der großen Persönlichkeiten der Literatur Québecs und der feministischen Bewegung angesehen, insbesondere aufgrund ihres Engagements für den Verlag Éditions du remue-ménage (Verlag des Durcheinanders) seit dessen Gründung 1976, der von einem Frauenkollektiv, darunter eben auch Dupré, geleitet wird. Der Verlag hat sich zum Ziel gesetzt, „die Auseinandersetzung mit der Situation der Frauen“ in Québec und anderswo zu unterstützen und voranzutreiben, und sich auf die Veröffentlichung von Werken von Frauen und feministischen Texten spezialisiert. Louise Dupré trug auch wesentlich zur Etablierung weiblicher poetischer Stimmen in Québec bei, indem sie zwanzig Jahre lang kreatives Schreiben an der Université du Québec in Montréal unterrichtete. Bekannt wurde sie 1998 mit ihrem ersten Roman La Memoria, in dem es um den Umgang mit einer schmerzhaften Trennung und dem Gefühl des Verlassenwerdens ging. Auf Deutsch erschienen bisher das komplexe Mutter-Tochter-Stück Tout comme elle (Ganz wie sie, Edition Laurin, 2020) und der Roman Theo à jamais (Theo für immer, Klak Verlag, Berlin, 2022), beide in der Übersetzung von Ursula Mathis-Moser.

Louise Dupré

Ausschwitz-Besuch als Ausgangspunkt einer Arte povera

Nach den beiden Bänden Plus haut que les flammes (2010, Höher als die Flammen) und La main hantée (2016, Die verfluchte Hand) stellt Einübung in die Freude / Exercices de joie nun den dritten und letzten Band eines Triptychons dar, das nach einem Wendepunkt ihres Lebens entstand, nämlich als sie das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau besuchte, was sie zuerst in eine tiefe Sprachlosigkeit stürzte. Das Triptychon sei der Versuch, wie Ursula Mathis-Moser in ihrem informativen Nachwort schreibt, „über die Verantwortung des Menschen gegenüber Horror und Schmerz, aber auch gegenüber der Freude“ zu reflektieren, wie esangesichts der Verheerungen in der Ukraine und in Gaza nicht aktueller sein könnte. 

Die Einübungen in die Freude entspringen also keinem „Füllhorn“, wie es an einer Stelle heißt, sondern sind von existentiellem Schmerz grundiert und von der Frageangetrieben, ob man sein eigenes Leben dem Schrecken und dem Leid völlig überlassen soll oder ob es nicht doch möglich sei, zumindest schreibend ein Stück Blau des Himmels abzureißen und es mit dem Bewusstsein, dass es „Blitze der Freude“ gibt, „die nichts kosten“, „fein warm zu halten in der Hand“. Louise Dupré verfolgt hier eine Arte povera, in der sich das schreibende Ich an sich selbst als ein Du wendet, ein erster Akt der Selbstdistanzierung, der ein Sprechen, ein Schreiben jenseits der eigenen Fassungslosigkeit ermöglicht. Fassung gibt ebenfalls die strenge Struktur des Textes, in dem die Zahl Drei des Triptychons auch den ganzen Text regiert. Es handelt sich also bei den der Einübung in die Freude nicht nur um den dritten Band einer Trilogie, sondern der Bandselbst besteht ebenfalls aus drei Teilen, die sich ihrerseits jeweils aus drei längeren Texten von markant unterschiedlicher Struktur zusammensetzen. 

Formbewusstsein am Abgrund des Menschseins

Jeder Teil hebt mit einem auf wenige Worte reduzierte Zwei- und Dreizeiler an, mit einem gleichsam auf die Knochen reduzierten Sprechen, das sich an „dieser Verzweiflung / die nichts lindern kann“, abarbeitet, sich selbst als Arte povera versteht: „mager schreiben / karg schreiben“. Die Dichterin sieht sich traditionsbewusst und in Anspielung an Baudelaire selbst als „Lumpensammlerin“, die sich auf die Suche nach den Fetzen und Splittern der Freude inmitten von Ruinen und Abfällen macht:

       du bist eine Lumpensammlerin
       die in den Mülltonnen
       wühlt
 
       und du recycelst
       getrocknete Blumen, Krimskrams
       oder Gedichte

Den reduzierten Versen am Anfang jedes Teils folgt ein thematisch stets nahtlos anschließendes Sprechen in Textblöcken, das prosaischer in der Form, aber von der Einsicht in die eigene existentielle Not und das Ausgeliefertsein nicht von geringerer Intensität ist:

                (…) Schon bald hast du die Kinderbücher ein-
       getauscht gegen die Intuition des Gedichts, du hast ge-
       sehen, wie das Dunkel dem Licht den Mut nimmt und
       die Tränen über den Wahnwitz der Worte fließen, du
       hast hinter deine Kurzsichtigkeit geblickt, du hast deine
       Träume wie Kartenhäuser zusammenstürzen gesehen.
       Du hast nicht gefragt, wie lange man neben einer Freude
       hergehen kann, die einem nicht gehört (…)

Das Bild von den „zusammenstürzenden Kartenhäusern“, von der „Lumpensammlerin“ oder das mehrfach bemühte Bild des „Untergangs“ zeigen, dass es Louise Dupré nicht um die Erfindung neuer Metaphern oder raffinierter Bilder geht, die Benennung des Schmerzes dient der klaren Verständigung undist nur Ausgangspunkt, um die Frage nach der Möglichkeit der Freude zu stellen:

       Denn die Freude, die Freude in ihrer Schönheit, die Freude
       in ihrer Harmonie – du wünschest, dass es dir gelänge, sie
       einzuschreiben in die Angst der Seite, aber kaum erfasst,
       zerbricht sie, und es bleiben nur ein paar Splitter. (…)
       Du schämst dich nicht mehr deiner Armut, sie ist kein Makel.
       Du hast aufgehört, das Unerreichbare herbeizusehnen, es
       gibt noch so viele winzig kleine Dinge zu retten, so viele tote
       Winkel zu benennen, bevor man sie dem Vergessen überlässt.
 
       Du machst daraus deine tägliche Übung.

Dieser Übungscharakter des Schreibens erinnert nicht zufällig an eine Passage am Anfang des zweitletzten Buchs Worstward Ho (dt: Aufs Schlimmste zu) des Großmeisters des existentiellen Scheiterns, Samuel Becketts, in der es heißt: „Alles von alters her. Niemals etwas anderes. Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ Und zum großen Glück für die Leser*innen „scheitern“ Dupré und mit ihr ihre Übersetzerin Mathis-Moser immer „besser“ an ihren Aufgaben und eröffnen uns einen weiten, poetisch gewirkten Reflexionsraum am Abgrund des menschlichen Daseins. 

Auch der dritte Text jeden Teils tritt uns in einer eigenen, beinah aphoristischen Form entgegen. Er besteht aus prägnanten, einzeln stehenden Sätzen, die das eigene Denken und Fühlen auf den Punkt bringen, etwa wenn es vom Gedicht spricht:

       Du bittest es, dir ein wenig Raum zu gewähren, gerade 
       genug, um zu fabulieren, ohne dich zu verraten.
 
       Du bewegst dich auf einem Drahtseil. Niemand kann dir 
       garantieren, dass es dich trägt.

Im zweiten Teil des Buches rückt die Verantwortung des weiblichen Ichs als Mutter gegenüber ihren Kindern in den Mittelpunkt und die Einschränkung der persönlichen Freiheit, die Mutterschaft bedeutet. Zuerst konstatiert die Reflexionsinstanz im Text eine Kontinuität zwischen den Frauen der Steinzeit und der Moderne, die selbst in der Verzweiflung die Kraft aufbringen mussten und müssen, Zuversicht zu verströmen, im Wissen, dass sie „das erste Bollwerk vor dem Abgrund“ sind:

       du schuldest das den Kindern
       geboren
       aus deinem Fleisch
 
       die einen Akt der Liebe
       von dir
       erwarten

Es ist eine bewusste Entscheidung des Ichs, das in Erinnerung an das Beispiel der eigenen Mutter getroffen wird und sich an Worten wie „Pflicht“ und „Verantwortung“ orientiert und sich dadurch in die Generationenfolge einordnet, die sich im Laufe des eigenen Lebens auch umkehren kann, wenn frau ein hohes Alter erreicht:

       Du warst Tochter, du warst Mutter.
 
       Dann bist du die Mutter deiner Mutter geworden, so wie
       du eines Tages zur Tochter deiner Tochter werden wirst.

Im Alter der Testamente

Im dritten und letzten Teil geht es konsequenterweise um die letzten Dinge, und zwar in dem Sinn, dass das fortgeschrittene Alter keinen Aufschub, keine Vertröstung auf später mehr erlaubt:

See Also

       du bereitest dich vor
       auf die gebotene Nacktheit
 
       für deine Vermählung
       mit der Erde
 
       (…)
 
       du hast nichts mehr
       zu verlieren
 
       es gilt jetzt oder nie
 
       du willst hier und jetzt
       deinen letzten Willen
       leben

Es ist ein innerweltliches Evangelium, das Louise Dupré hier im „Alter der Testamente“ zum Ausdruck bringt, auch wenn das Schreiben dem Ich nicht völlig durchsichtig und verfügbar ist, denn das Gedicht, so die formulierte Überzeugung, sei klüger als das Ich. Auf diese Weise ordnet sich Dupré einmal mehr in eine Tradition ein, nämlich der des medialen Sprechens, wie es etwa in der antiken Poesie durch die Anrufung der Musen eingeleitet wurde:

       doch das Gedicht
       sieht weiter als du
 
       es ist dein geheimes
       Wissen
 
       und du erbebst
       während du diese Verse schreibst

Ursula Mathis-Moser, der wir die höchst gelungene und einfühlsame Übertragung von Duprés Versen verdanken, hat völlig Recht, wenn sie in ihrem Nachwort das Buch als „ethisches Vermächtnis“ und vorläufigen Höhepunkt in Duprés Schaffen liest. Es ist ein grundsympathischer Zug des Buches, dass es die Spannung zwischen dem eigenen Anspruch auf Glück und Freude und dem immensen Leid, das in der Welt und im eigenen Leben wuchert, vom Standpunkt der Frau annimmt und uns als Leser*innen erlaubt, an der Auseinandersetzung des Ichs mit dieser Herausforderung teilzunehmen. Es ist ein Buch, an dem wir alle als Menschheit anknüpfen und wachsen können.

Doch wie ist es nun mit der Einübung in die Freude im Bewusstsein, dass man „bis zum Schluss / eine Frau des Begehrens“ bleibt? Es sind die Kleinigkeiten des Alltags, denen das Augenmerk gilt, oder besser: denen sich Herz öffnen sollte – und ein Verzicht auf selbstzentrierte Formendes Umgangs mit den anderen, die Momente der Freude ermöglichen:

       denn die Freude begnügt sich
       mit unerwarteter Fügung
 
       eine Begegnung, ein Buch
       ein gefundenes Kätzchen
 
       Breschen
       in der täglichen
       Monotonie
 
       (…)
 
       du wartest nicht mehr
       bis man dich liebt
       um zu lieben

Louise Dupré: Einübung in die Freude / Exercices de joie. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Französischen von Ursula Mathis-Moser. Klingenberg, Graz, 2026. 216 Seiten. Euro 18,90

Die Autorin liest am 5.11.2026, 20:00-20:30 Uhr, im Format IM FOKUS in der Poesiegalerie. Das Gespräch führt Udo Kawasser. Die Veranstaltung wurde ermöglicht durch die Kooperation mit der Vertretung der Regierung von Québec in Berlin.

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