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Von der Auslassung

Von der Auslassung

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Daniela Chana liest Ludwig Hartingers Leerzeichen. Aus dem dichterischen Tagebuch.


Mit „Leerzeichen“ setzt Ludwig Hartinger seine Reihe dichterischer Tagebücher fort, die seit mittlerweile zwanzig Jahren im Otto Müller Verlag erscheinen.

Cover © Otto Müller Verlag

Cover Ludwig Hartinger Leerzeichen

Der Titel ist durchaus programmatisch zu verstehen: Wer genau hinsieht, erkennt die Unterbrechungen im Textfluss, denn immer wieder platziert der Poet mitten im Vers größere Abstände zwischen einzelne Worte oder arbeitet mit Einrückungen. Manchmal erschließt sich der Sinn des Leerzeichens intuitiv, erinnert etwa an ein Atemholen im Sprechen oder eine Pause in der Musik, zum Beispiel wenn es heißt: „da ein grat dort die düne“. Mitunter ersetzt der Abstand andere Satzzeichen wie Beistriche, Bindestriche oder Doppelpunkte. In solchen Fällen lädt die Grammatik zum Nachdenken ein: Kann es sein, dass ein Bindestrich an dieser oder jener Stelle zu viel wäre, weil von einer „Bindung“ keine Rede sein kann? Wäre auch ein Doppelpunkt unpassend, weil er eine Kausalität andeutet, die nicht zutreffend ist? Wäre ein Beistrich wiederum zu trennend?

Das Leerzeichen mag etwas Unsichtbares oder Unsagbares andeuten, das zwischen den Worten steht. Es kann ebenso etwas Verborgenes repräsentieren, das in den Text gehört und mit einem Tipp-Ex oder Tintenlöscher überdeckt wurde. Nicht immer lässt sich leicht erkennen, warum gerade an einer bestimmten Stelle etwas verschwiegen werden muss. An manchen Stellen fungiert es vielleicht als Trommelwirbel, damit eine ungewöhnliche Wendung oder ein Neologismus seinen großen Auftritt hat:

             fädelt sich vers für vers
                       traumgeronnenes wort

Ebenso wie die Leerzeichen die Frage nach Trennungen und Verbindungen aufwerfen, lohnt sich auch das Nachdenken über die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Texten. Kaum je lässt sich sagen, wo ein Gedicht aufhört und das andere anfängt. Handelt es sich hier überhaupt um geschlossene Texte oder hängen die Fragmente alle auf die eine oder andere Art zusammen? Haben wir es mit chronologisch niedergeschriebenen Beobachtungen und Begebenheiten zu tun, wie der Untertitel „Aus dem dichterischen Tagebuch“ nahelegt?

Exklusivität durch Lokalkolorit

Hartingers Gedichte finden fast ausschließlich im Draußen statt und sind dabei geografisch klar verortet. Mit dem Vergrößerungsglas wird auf Gebirge, Steine, Pflanzen geschaut, die stets zwischen dem Salzburger Land, Slowenien und Italien angesiedelt sind: Das Steinerne Meer, das Innergebirg, Rauris, der Karst, der Smaragdfluss oder der Tiber kommen in seinen Texten vor. Dabei werden diese Schauplätze aber nie zu einer Kulisse degradiert, vor deren Hintergrund sich etwas abspielt, vielmehr stehen sie selbst im Mittelpunkt wie Figuren. Den verschiedenen Natur- und Wetterphänomen sowie Landschaftsformationen wird nahezu ein eigenes Fühlen und Erleben zugestanden: Der Wind spricht oder schreibt, „auf der nebelwaage/ zittert ein zögerblick“ (S. 48), „in fichtenwipfeln harzt / noch sehnsucht ins herz“ (S. 36), dann wieder „regnet es ein elsterwort / aufs strohdach“ (S. 35) und dergleichen mehr. Auf diese Art wird der Natur eine Souveränität verliehen, die angesichts aktueller Debatten über den Klimawandel durchaus modern ist.

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Hartinger erzeugt ein ganz eigenes Lokalkolorit, indem er immer wieder österreichische Dialektausdrücke, Wörter aus dem Slowenischen und Begriffe aus dem ländlichen beziehungsweise landwirtschaftlichen Umfeld einflicht. Für einen Teil des Publikums werden die Texte dadurch schwer zugänglich sein. Um etwa die Wendung „ein gereustes fischwort“ ansatzweise verstehen zu können, braucht es im Hintergrund das Wissen, dass es sich bei der „Reuse“ um eine Vorrichtung handelt, die dem Fischfang dient. Weitere Beispiele wären etwa „tschurtschenpech“, „hoagaschtnidei“ oder das immer wieder vorkommende „tolmun“.

Im Gegensatz zur Natur bleibt die Figur des Sprechers wenig greifbar. Nie erfahren wir etwas Persönliches über den Menschen, der all diese Beobachtungen macht, diese Phänomene wahrnimmt. Selten gibt es ein Ich in Hartingers Gedichten, weit häufiger ein lyrisches Du oder ein Wir, das jedoch niemals genauer bestimmt wird – anders als die Natur, die hochgradig als fühlendes, sogar denkendes und schreibendes Individuum ausgestaltet ist. Bezieht sich etwa das „Wir“ auf das Paar einer Zweierbeziehung oder einer Freundschaft, meint es eine Familie oder ein viel größeres Kollektiv, am Ende gar die ganze Menschheit? All dies bleibt verborgen, wieder einmal – im Leerzeichen.


Ludwig Hartinger: Leerzeichen. Aus dem dichterischen Tagebuch. Otto Müller Verlag, Salzburg, 2022. 104 Seiten. 23 Euro.

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