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Zeitgedichte und andere Zahlenspiele

Zeitgedichte und andere Zahlenspiele

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Nicole Streitler-Kastberger liest Gerhard Rühms
die gefaltete uhr. 100 zahlendichtungen


Gerhard Rühm (geb. 1930 in Wien) ist der einzige Autor der legendären Wiener Gruppe, der noch lebt. Die anderen, Konrad Bayer, Friedrich Achleitner und Oswald Wiener, sind schon verstorben. Doch ihre Texte bleiben aktuell. Gerne wurde Rühm als das Hirn der Gruppe bezeichnet, weil er sich schon frühzeitig für das Verlegen der volatilen avantgardistischen Werke derselben eingesetzt hat. Rühm, Autor, Komponist und bildender Künstler, ist bekannt für sein sprachspielerisches und beinahe arithmetisches Verhältnis zur Sprache.

Der jüngste Band die gefaltete uhr schließt an die avantgardistische konkrete und Lautpoesie der Wiener Gruppe an und ist Sprachkunst in höchster Vollendung. Die Sammlung der 100 zahlendichtungen reicht bis in die 1950er Jahre zurück, als Rühm bereits Zahlen für Texte verwendet hat. Sie sind ein veritables Lebenswerk des Autors.

Cover © Ritter Verlag

Zahlen und Lettern

Die ersten Gedichte des Bandes lassen vermuten, dass es Rühm sehr streng nimmt mit seiner Idee der Zahlendichtung. Hier ist Beschränkung auf Zahlen, fast ohne andere Wörter, Programm. Der Autor schwankt jedoch bereits in diesen ersten Gedichten zwischen ausgeschriebenen Zahlen und bloßen Ziffern. Letztere sind vielleicht die strengste Umsetzung der Idee Zahlendichtung. Das sieht dann etwa im „proportionsgedicht“ so aus:

4
22
24
42

Das sind Permutationen im besten avantgardistischen Sinn. Wer hier freilich nach Sinn fragt, geht fehl. Es ist die Schönheit der Zahlen-Sprache, die Ästhetik des Materials und die Sichtbarkeit des dichterischen Konzepts, die hier den Ausschlag geben und den ästhetischen Mehrwert erzeugen. Doch Rühm verweigert sich auch der Sinngebung nicht, vor allem dort nicht, wo er statt der nackten Zahlen Zahlwörter verwendet. So etwa im Gedicht „alles“:

ich bin
allein
zu zweit
zu dritt
zu fünft
zu zehnt
zu hundert
inmitten des überfüllten platzes
der stadt
des landes
der erde
der ganzen welt

Der Reiz solcher Texte liegt zweifellos darin begründet, dass sie Steigerung, ja Klimax erzeugen und damit gewissermaßen der magischen Kraft der Zahlen und Zahlwörter erliegen. Dieses Erliegen wird als Lust erlebt und erlebbar für den Leser und die Leserin.

Die Chronologie des Lebens und der Welt

Zahlen verleiten zum Abzählen, und so schafft es Rühm, nicht nur das menschliche Leben, sondern sogar die Weltalter in ein Gedicht zu packen, so in den Texten „zeitgedicht“ und „lebenslauf“. Diese sind so umfangreich, dass sie hier nicht zitiert werden können. In Ersterem verquickt Rühm die Zeitrechnung nach dem Kalender und der Uhr mit erdgeschichtlichen Ereignissen. Es reicht vom 1. Januar 0 Uhr, dem Urknall, bis zum 31. Dezember 23 Uhr 59 und 59 Sekunden, der Mondlandung, die Rühm als letztes erdgeschichtliches Datum ansetzt. Vermutlich ist das Gedicht aus den späten 1960er Jahren und hat schon etwas historische Patina angesetzt. Das Gedicht „lebenslauf“ rechnet mit Körpergrößen (von „ein zentimeter“ bis „hundertfünfundsiebzig zentimeter“), beginnt mit dem „eintritt“ und endet mit dem „abtritt“. Die Avantgarde hat einen sehr sachlichen Umgang mit dem menschlichen Leben. Es geht scheinbar in schlichten Zahlenspielen auf und lässt sich abzählen. Dass das freilich problematisch ist, lässt sich am „österreichischen abzählvers (nach dem ausspruch eines generalsekretärs der ÖVP)“ erkennen:

See Also

bei einem nicht,
bei zwei nicht,	
bei drei nicht,
bei vier nicht,
auch bei fünf nicht,
erst wenn „Waldheim mit seinen eigenen Händen sechs Juden
erwürgt hat, gibt’s ein Problem“.

Ein riskantes Gedicht. Dessen ist sich Rühm wohl selbst bewusst. Aber es fügt sich gewissermaßen in eine Reihe und zeigt zugleich, dass das Leben letztlich nicht abzählbar ist. Der Titel des Bandes „die gefaltete uhr“, der auch der Titel eines Gedichtes ist, erinnert an Salvador Dalís Bild von der verrinnenden Zeit, die dieser in verrinnenden Uhren symbolisiert hat. Das gleichnamige Gedicht, das den Band beschließt, kreist um das Weltall und seine Ausdehnung. Auch die Farben Blau und Grau spielen hier eine Rolle und geben dem Gedicht einen synästhetischen Anstrich. Selbst den „klimawandel“ vermag Rühm in einen „ausufernden witz“ zu kleiden, der von „hitzetoten“ und „kältetoten“ erzählt. Ein bisschen makaber ist das schon.

Musik und Bilder

Der Band enthält auch Musikdichtungen, Collagen und Zeichnungen, die typisch sind für Rühms künstlerische Arbeit. So etwa ein Werbeblatt, das verkündet, dass nur 3800 Schritte am Tag die Gefahr, an Demenz zu erkranken, um ein Viertel senken. Oder zwei Abdrücke von Münzen, die die untergehende Sonne und den aufgehenden Mond symbolisieren. Die Notationen zu Musikstücken sind das für mich am wenigsten Spannende an dem Band, der sehr schön gestaltet ist und in seinem leuchtenden Gelb einen Platz neben den Reclam-Bänden im Bücherregal finden kann. Grundlegend wie diese ist auch das, was Rühm macht.


Gerhard Rühm: die gefaltete uhr. 100 zahlendichtungen. Ritter Literatur, Klagenfurt – Graz – Wien, 2023. 160 Seiten. Euro 23,–

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