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Zwei Idiome

Zwei Idiome

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Klaus Ebner liest Ulrike Titelbachs augen im hoiz


Der Lyrikband augen im hoiz wartet mit einer Besonderheit auf: Alle Gedichte sind in zwei Sprachen, oder besser: in zwei Sprachvarianten gehalten. Nämlich in einem oberösterreichischen Dialekt sowie in der Hochsprache. In welcher Reihenfolge die beiden Varianten entstanden, ob zuerst Dialekt und dann Standardsprache oder umgekehrt, ist nicht vermerkt. Vermutlich können wir ein simultanes Entstehen annehmen, und es ist nicht auszuschließen, dass die beiden Versionen einander dabei beeinflusst haben.

Cover © Edition Melos

Ulrike Titelbach wurde 1971 in Wels geboren. Als promovierte Germanistin lehrt sie am Institut für Deutsche Philologie der Universität Wien und publiziert im Bereich der Literaturwissenschaft. Seit 2017 veröffentlicht sie zudem Kurzprosa und Lyrik in Literaturzeitschriften, und 2021 erschien ihr erster Lyrikband „Fragile Umarmungen“. 2023 erhielt sie den Publikumspreis beim Feldkircher Lyrikpreis. Die Autorin lebt, forscht und arbeitet heute in Wien.

Die im vorliegenden Buch enthaltenen Gedichte nähern sich der japanischen Form des Haiku bzw. Senryu an. Manche entsprechen diesen perfekt, das heißt, sie weisen genau 17 Silben auf und spielen, beim Haiku, auf eine Jahreszeit oder, beim Senryu, auf die Dinge des Lebens an. Es empfiehlt sich, solch kurze Gedichte langsam und am besten mehrmals zu lesen. Im Sinne der japanischen Lyrikgattung präsentieren sie Gedanken, das, was auf Englisch „flashes“ genannt wird, Empfindungen und Stimmungsbilder. Ein in der hochsprachlichen Version perfektes Haiku ist das folgende mit dem Titel „eine sternschnuppe lang“:

untan sommahümmö
ois wosd woen hosd vagessn
a schdeanschnupm laong
                                             sommerhimmel
                                  eine sternschnuppe lang
                                  alle wünsche vergessen

Kurzgedichte wie diese verlangen ein Nachspüren. Die Worte sollen ihre Wirkung entfalten, und dazu benötigen Leser*innen Innehalten und Muße. Beim oben genannten Gedicht setzte ich mich in Gedanken selbst unter den Sommerhimmel und stellte mir eine Sternschnuppe vor.

Das Spiel mit Form und Sprache

Die Gedichte sind grafisch angeordnet, wobei die mundartliche Variante sich linksbündig stets links oben befindet, die standardsprachliche rechts darunter und rechtsbündig. Sogar farblich sind die beiden Idiome voneinander unterschieden, weil die Mundart grau gedruckt wurde, die Hochsprache hingegen schwarz.

Ulrike Titelbach verwendet durchgehend Kleinschreibung. Auf Satzzeichen wird weitgehend verzichtet, was bei Haiku-Formen durchaus üblich ist. Bei einzelnen Gedichten stehen Verse kursiv, sie markieren direkte Reden oder Ausrufe. Alle Texte tragen einen Titel, der zwar für beide Idiome gilt, aber stets in der Standardsprache gehalten ist. Beim folgenden Wintergedicht sieht das so aus:

schnee fällt leise

weid üwan
schnee foid leise
unsa schotn
                                             weithin über den
                                             schnee fällt leise
                                             unser schatten

Sehr interessant finde ich die Übersetzungen. Dass beide Idiome beisammen stehen, lädt selbstverständlich zu einem Vergleich ein. Das obige Gedicht entspricht einer exakten Übersetzung. Hier stehen Wörter und Verse in einem 1:1-Verhältnis, außerdem werden die gleichen Wörter verwendet. Aber das ist keineswegs bei allen Texten so. Im Dialekt wird manches anders ausgedrückt. Die Abweichungen zur Hochsprache betreffen hauptsächlich das Vokabular, bisweilen grammatische Besonderheiten und dabei primär die Satzstellung. Ein Beispiel dafür ist „zwei amseln“:

auf mein bakldrooga
san zwoa aumsln daham
foa ma mid da tram
                                             am gepäckträger
                                  bauen zwei amseln ihr nest.
                                         auf zur straßenbahn!
                          

Zudem fällt hier auf, dass nur in der Standardsprache zwei Satzzeichen verwendet wurden. Unterschiedliche Ausdrucksweisen zeigt auch „wintermondlicht“:

im koidn mondliachd
schlofd da windschiifm leachng
hoiwads des gsichd ei
                                             wintermondlicht
                                 die lärche vorm tor lächelt
                                                asymmetrisch

Die Autorin behält sich Freiheiten in der Übertragung vor, was den besonderen Reiz solcher Gegenüberstellungen ausmacht. Natürlich wäre es möglich, sich beim Lesen lediglich auf die dialektalen Gedichte zu beschränken oder eben auf die standardsprachlichen, das bleibt allen Leser*innen selbst überlassen. Der volle Genuss entsteht jedoch bei der Berücksichtigung beider Varianten.

Das Spiel mit Beobachtung und Alltag

Naturbetrachtungen und Alltagssituationen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Das folgende Senryu-artige Gedicht „hinter dem rücken der mutter“ vermittelt ein herzerfrischendes Gefühl und zaubert ein Schmunzeln ins Gesicht, weil zumindest alle Eltern diese Situation kennen und womöglich schon einmal selbst erlebt haben:

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jo, wo bisd den du?
hintan ruckn vo da muata
lochd des kind
                                             ja, wo bist denn du?
                                   hinter dem rücken der mutter
                                                lacht das kind

Auf den ersten Blick könnten solche Verse banal aussehen. Doch gerade bei Haikus und ähnlichen Gedichtformen geht es ganz gezielt um persönliche Eindrücke und Emotionen. Es ist die Kunst, mit wenigen Worten ein Bild im Kopf der Betrachter*innen zu erzeugen.

Waldspaziergänge, laue Sommernächte und das Insektengeschwärme auf naturbelassenen Wiesen prägen viele der lyrischen Impressionen. Ulrike Titelbach nennt dabei nicht nur Bekanntes wie Bienen und Grillen, sondern durchaus auch Insekten, die vielleicht nicht allen geläufig sind. Wie der folgende Glasflügler aussieht, musste ich erst einmal recherchieren.

hornissenschwärmer

koa aungst
voan huanausschweama
dea duad neta so gööb
                                             das grelle gelb
                                    des hornissenschwärmers
                                         ist nur camouflage

Solche Beobachtungen, Statements und emotionsgeladenen Verse stellen die überwiegende Mehrheit der Gedichte. Einzelnes kann wiederum humorvoll wirken. Etwa die gewitzte Naturimpression in „neujahrskonzert“:

untn am wossa
daunzn zwoa fischreia
donauwoiza
                                             unten am wasser
                                  zwei fischreiher tanzen
                                              donauwalzer

Der Verkehrsunfall eines Igels wird in „im straßengraben“ angesprochen. „die schneeflocke“ hingegen ist ein ganz leises Gedicht, nach dessen Lektüre ich die Augen schloss, um das Bild auf mich wirken zu lassen. „die lügen des vaters“ spielen auf solche an, nennen aber keine Details. Diese und viele andere Gedanken gilt es in Ulrike Titelbachs Lyrik zu entdecken.

Der Lyrikband erschien bei der Wiener Edition Melos. Ein fester Einband mit Umschlag, Fadenbindung und Lesebändchen geben den Kurzgedichten einen sehr schönen Rahmen. Anschließende Anmerkungen weisen auf diverse Widmungen und Anspielungen hin, etwa auf Gottfried Benn, Clemens J. Setz oder Joseph Beuys. Die kurzen Gedichte und die sorgfältige Gestaltung des Buches laden jedenfalls zum Mitnehmen und Genießen ein.


Ulrike Titelbach: augen im hoiz. Kurzgedichte in zwei klangfarben. Edition Melos, Wien, 2025. 108 Seiten. Euro 28,00

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