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Wer fliegen will, muss nur still sitzen

Wer fliegen will, muss nur still sitzen

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Alexander Kluy liest Andreas Unterwegers Haus ohne Türen


Cover "Haus ohne Türen" von Andreas Unterweger

Immer wieder Witz – und die Sprache tanzt. So fasste ein Literaturkritiker vor drei Jahren sein Leseerlebnis von Andreas Unterwegers von der Liebe verlassenen und durch Nantes schlendernden Roman So long, Annemarie pointiert zusammen.

Cover © Droschl

Der 1978 in Graz geborene Unterweger, der heute in Leibnitz in der Steiermark lebt, kam nach Germanistik- und Romanistik-Studium im Jahr 2016 als Mitherausgeber an Bord der ehrwürdigen Literaturzeitschrift „manuskripte“. Seit dem Tod des Herausgebers, des Lyrikers Alfred Kolleritsch, im Jahr 2020 fungiert er als Allein-Editor. So sitzt er an einer der weithin wahrgenommenen Schalt- und Regiestellen zeitgenössischer Dichtung in deutscher Sprache und ist auch ansonsten rührig in Sachen Literatur aktiv. Das Stillsitzen scheint literarisch nicht der Fall des Steirers zu sein, eher das Fliegen.

Als Lyriker in Buchform debütierte der Frankophile, der auch aus dem Französischen übersetzte und bisher sechs Prosabände veröffentlicht hat, vor einigen Jahren in – Paris. In einem französischen Verlag. Nun erscheint mit Haus ohne Türen sein erster Gedichtband auf Deutsch.

Vielfalt der Stimmlagen

Was auffällt im Lauf der Lektüre, ist die Vielfalt an Stimmlagen, die Unterweger anschlägt, verfolgt, beherrscht. Bei wenigen Gedichten findet sich eine Datierung. Davon abgeleitet, lässt sich die Annahme wohl nicht von der Hand weisen, dass es sich hier um eine Zusammenstellung von Poemen handeln dürfte, die in mehr als eineinhalb Dezennien entstanden sind.

Der Band mit dem überaus ansprechenden, sonnenwarm lockenden Cover setzt ein mit längeren Gedichten, die gekonnt zwischen Gegenwart und Vergangenheit als Wort-Weberschiffchen hin und her sausen. Dazu sind mit leichter Hand Zitate eingebaut. Rasch fällt auf, dass die per se etwas abseitigen Themen – Gnomonik (die Lehre von der Sonnenuhr) der Jetztzeit im Auftaktgedicht, die Historie der Axt in Österreich im Folgenden – mit Melos, also Sprachmelodie traktiert werden. Das schmeichelt vornehmlich dem Ohr, hört man Unterweger selbst seine Texte rezitieren. Da realisiert man den Rhythmus der im buchseitengedruckten Schriftbild als locker verbundene Prosa daherkommenden Texte.

Mit der anschließenden Hommage-Antihommage auf Paula Grogger zaubert Unterweger dann fast asiatisch anmutende Zeilen aufs Papier. Hier sind die Zeilen hochkonzentriert, ist die Silbenzahl kontrolliert, die Bildsprache eine starke, zwischen Taktilem und Visuellem oszillierend: 

Kein Goldzapfen 
hängt ihm, wenn dieses Tor sich öffnet, vom Zinken.

Einer anderen Lyrikerin entnahm er das Motto für „Die Rummelsburger See“, ein Gedicht über ein in der Dichtung eher selten traktiertes Thema, das Segeln. Else Lasker-Schüler steht Patin bei diesen durchrhythmisierten Zweizeilern. Hier lässt Unterweger beredt Farben aufblitzen – Glitzerschuppenpanzer, Ebereschenbeere, Blau, Rot, Gold – und Welt-Konkreta und überrascht dann mit einer alles brechenden Volte: Verweis- und alte Warntafeln, die auf „Knabenhäuser“ und „Arbeits- und Bewahrungshäuser“ und die „Strafvollzugsanstalt“ verweisen, für die Rummelsburg, ein Teil des Bezirks Lichtenberg im Osten Berlins, stärker bekannt ist. 

Poeta doctus

Die Suite „The American Notebook” zeigt dann Unterweger neuerlich als Poeta doctus. Hier wird Walt Whitman beigezogen, wie auch rasch Gottfried Benn. Amerika und Europa, neu und alt, das Gute und das Schöne spielen hier eine Rolle, und dann fällt noch der Schatten Rolf Dieter Brinkmanns kurz hinein, und Allen Ginsberg wird als Gewährsmann angeführt. 

Hier operiert Unterweger auch mit Fußnoten, die Gedichtgestalt an sich ähnelt einem poème en prose. Dabei ist auch der Duktus ein mehr der Umgangssprache verpflichteter. Mythologischer Sang überkreuzt sich hier mit popkulturellem Nippeskitsch: 

O Bo, first dog aus Plüsch, o bath foam der Disney-
Prinzessinen! O Cinderella-Barbie, Souvenirs, die ihr alle 
so günstig!

Mit diesem kleinen Zyklus von Reise-Poemen, der in Graz mündet, endet die Sektion I. Das zweite Kapitel setzt dann zirzensisch ein: 

Wie all meine autobiografischen Gedichte 
ist auch dieses hier an 
jemanden gerichtet 
den ich in Wahrheit nie kennengelernt habe

Auf dass niemand glaube, hier schreibe einer authentisch über sich und vergesse auf die Kreativität!

Nun ist der Tonfall ein geerdeter, dafür stark mit Melancholischem gesättigt und angereichert. Doch es gibt hier ironisch-sarkastische Miniaturen, die unter der Hand an den frühen Enzensberger gemahnen wollen: 

See Also
Cover „Gesammelte Gedichte 2004-2021“ von Friederike Mayröcker

Jedes Mal beim Rasenmähen 
träumt er davon auszusteigen 
in Richtung einer Mietskaserne,
eines Gemeinde- oder Plattenbaus, 
wo einer nicht daran gemessen 
wird, denkt er, den Mäher fluchend 
wendend, wie kurz sein Rasen ist.

Das Artistische und das Sprech-Mögliche

Nun geht einiges, ja, vieles nun um Verzweiflung, Verstummen, ins Leere gehende Liebe. Nicht umsonst ist an einer Stelle von einem „langen eintönigen Vers“ die Rede – der sich entpuppt als vorbeiruckelnder Langzug mit „Tankwaggon Tankwaggon Tankwaggon Tankwaggon …“. Auch hier sind neuerlich subtil Verweise und Zitate gesetzt, nun auf und von Paul Verlaine. Es geht um Liebe, ob im Eigenpersonalen, das eben nicht Eigenpersonales ist, oder gespiegelt im Briefwechsel von Albert Camus mit Maria Casarès oder einem eindrucksvoll gelungenen Gedicht über Kurt Cobain und Nirvana, dem ein Zitat Lars Gustafssons über die Stille der Welt vor Bach mit- und anregend als Motto davorgesetzt ist.

Der dritte Teil kreist anfangs um Eltern und Großeltern, um Dörfliches, Frieden und absente Bilder. Das Idyllische allerdings hier: nicht vorhanden: „Die Sonnenblumen: strahlenkrank.“ Dazu Feuerball, Lichtblitz, Pilzwolken und saurer Regen. Die bedrückende Atmosphäre konterkariert Unterweger immer wieder mit lakonischen Pointen. Doch Hoffnung gibt es, in einem der vielleicht anmutigsten Poeme des Bandes: 

Grönland, büschelweise. Unter dem Schnee
sprießt schon das bessere Leben
.

Die Poeme der vierten Sektion muten zwar nicht chronologisch nach Entstehen geordnet an. Was hier aber immer stärker auffällt, ist eine Verknappung, eine Reduktion, die formal oft beeindruckend ist, eine aphoristische Zuspitzung auf weniges, auf ganz weniges:

Auch ich war einmal ein Meer
immer noch hältst du mich wie
Wasser in deinen Händen

Das Artistische wächst symbiotisch mit dem Sprechbaren, dem Sprech-Möglichen zusammen, bis leichte, hoch geglückte wie hochbeglückende Poesie, bei der Witz sich mit tanzender Sprache aufs Luftigste verschwistert, zu lesen ist:

Du bist
Blume und Lied
unfassbar wie
der Hase auf dem Mond
und nie

dort wo
der Rauch aufsteigt
die Vögel auffliegen
und ich
dich suche

Andreas Unterweger: Haus ohne Türen. Droschl, Graz, 2025. 128 Seiten. 21,– Euro

Daraus erschien zuletzt das Gedicht: Immer

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