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Der achten Poesiegalerie erster Tag

Der achten Poesiegalerie erster Tag

von Lukas Meschik


Tag 1 / Donnerstag, 6. November, 18:00

Pünktlich um 18 Uhr begrüßt Udo Kawasser die zwar zahlreich erschienenen, sich anfangs jedoch etwas scheu gebenden Gäste. „Kommen Sie ruhig näher, wir beißen nicht.“ Es handelt sich bereits um die achte Ausgabe des dreitägigen Festivals. Günter Vallaster und Rhea Krčmářová kuratieren die diesjährige Transmediale Poesiegalerie, die zeigt, wie das Poetische nicht nur in Schriftform, sondern auch auf haptischer Ebene eingefangen werden kann. Als Auftakt vor dem Rundgang gibt es eine Performance von Kinga Tóth.

Die aus Ungarn stammende Lyrikerin und Performancekünstlerin lotet mit MariaMachina die Möglichkeiten der Laut- und Geräuscherzeugung der menschlichen Stimme aus. Kinga Tóth zischt, wimmert, brummt, grummelt, grunzt ins Mikrofon; sie flüstert, singt, betet und psalmodiert, erzeugt mal engelhafte, sanfte Laute, dann wieder brachiale, beinahe dämonische. Phasenweise meint man, einem finsteren Ritual beizuwohnen, einer vergeblichen Teufelsaustreibung. Wortfetzen brechen durch, auf Deutsch und Ungarisch. Mithilfe einer Loopstation überlagern sich die aufgenommenen Spuren, es entsteht ein dicht gewobener Klangteppich aus Sprachflächen. Ihre Gedichtbände erscheinen u.a. im Kölner Verlag Parasitenpresse, aber auch beim Matthes & Seitz-Inprint Rohstoff.

Günter Vallaster leitet über zum Ausstellungsrundgang und erläutert die gezeigten Exponate, wobei er teilweise Unterstützung von den vertretenen Künstlern erhält. Für ihre Arbeit „Text im Glas“ steckte die renommierte Kinderbuchautorin Angelika Kaufmann Gedichte von Friederike Mayröcker in handliche Gläser. „Décollagen Wien“ von Kirstin Breitenfellner versammelt Fundstücke aus dem öffentlichen Raum, durch zufällige Verbindungen von abgerissenen Wörtern und unterbrochenen Slogans entsteht neuer Sinn. Diese „Text-Bild-Scheren“ werden von ihr stets in ihrer ursprünglichen Form belassen und lediglich dokumentiert, danach gewitzt in Kontext gesetzt und zum vielsagenden Singen gebracht. Auch Brigitta Höpler arbeitet mit abgerissenen Plakaten und trotzt dem urbanen Raum poetische Zufälle ab. Daniel Böswirth zeigt detailverliebte Linolschnitte, die, wie er sagt, während der letzten dreißig Jahre in aller Welt entstanden sind und jeweils ein zugehöriges Gedicht illustrieren. Augusta Laar zeichnete mit Kohle „Interventionen“ auf Notenpapier. Performerin Kinga Tóth zeigt Stills aus einem Poesiefilm, womit ihre akustische Darbietung eine ergänzende Bildebene erhält. Bei Gertrude Moser-Wagners „Heilsversprechen“ handelt es sich um gerahmte lyrische Skulpturen. Auch Verena Dürr und Ina Loitzl sind mit ihren Werken vertreten. Der Rundgang ist beendet – zur Überraschung der Veranstalter überpünktlich. Es könne jetzt „aufgestuhlt“ werden.

PAUSE

18:45 Uhr

Poesiegalerie-Gründer Udo Kawasser nimmt sich nachträglich Zeit für eine kurze Eröffnungsrede, er beschreibt Kunst als „utopisches Unternehmen“, das inmitten einer krisenhaften Zeit dabei helfen kann, Trost zu spenden und wenigstens einen Hauch von Sinn zu geben. Lobend erwähnt er die – noch! – vorhandene Unterstützung der Fördergeber und überlebensnotwendige Zuschüsse aus der öffentlichen Hand. Gerade in diesen Zeiten keine Selbstverständlichkeit – jedoch weiterhin eine Notwendigkeit.

Peter Clar bei seiner Lesung am 1.Tag der Poesiegalerie 2025

Die Eröffnung des Leseteils übernimmt der in Villach geborene Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Peter Clar. Sein bei Müry Salzmann erschienener Band Und lassen stehen das Meer nimmt uns in siebzehn Langgedichten mit auf eine Reise durch Südengland, seine reichhaltige Sprache und Kultur. Diese sind angereichert mit zahlreichen Zitaten von und Anspielungen auf Dichter:innen aus der Region.

Virginia Woolf und ihr Mann Leonard, William Wordsworth oder Siegfried Sassoon treten auf. Clar erzeugt mit seiner ebenso unprätentiösen wie präzisen Lyrik einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann – und will. Es gelingt ihm, einfache und klare Worte zu verwenden, die niemals banal klingen, und er bringt sie in einen natürlichen reimlosen Rhythmus. Besonders hervorzugeben ist der Sprachmix aus Deutsch und Englisch, die eigenen Zeilen fügen sich so ins Fremdmaterial, dass alles wie aus einem Guss wirkt und eine Stimme der anderen antwortet – darin antwortet auch eine Zeit der nächsten. „So lasse ich stehen die Wellen / Die gegen die Steine / Lasse stehen das Meer“.

Es folgt der Grazer Schriftsteller und Manuskripte-Herausgeber Andreas Unterweger, der seinen ersten Gedichtband Haus ohne Türen (Droschl Verlag) vorstellt. Zuvor lässt er es sich nicht nehmen, die Wichtigkeit der Poesiegalerie als Plattform der Sichtbarmachung von lyrischer Produktion herauszustreichen. „Der Schweiß ist das Meer der Eltern“, heißt es da, und wir begeben uns „zwischen Spielzeug und Scherben“.

Manuskripte-Herausgeber Andreas Unterweger bei seiner Lesung am 1.Tag der Poesiegalerie 2025

Unterweger verbindet Alltagsbeobachtungen mit Urlaubsszenen, seine ironischen, nie auf billige Pointen abzielenden Texte bleiben geerdet. Da spricht einer „ein Gebet an sich selbst“, das allerdings „ins Leere geht“, er bedauert die „Kinderlosen“, weil er im Familienverbund nicht nur Rückhalt, sondern auch Schöpfungskraft erfährt. Bei Unterweger treffen Belesenheit und Sprachmacht auf die Weisheiten der Popkultur, so gelingt es, klassische Motive und zeitlose Themen in der Gegenwart zu verankern.

Zum Abschluss des ersten Blocks liest Nea Schmidt, die von der Literaturzeitschrift Manuskripte nominiert wurde. In Leipzig geboren, ist Schmidt mittlerweile wohnhaft in Wien. Neben Übersetzungstätigkeit und Arbeit im Bereich der politischen Bildung schreibt sie eigene Lyrik. In den vorgetragenen Gedichten bekommt der „Mittag ein blaues Auge“, die „Bilder bauschen sich angenehm auf“. Wir begleiten sie in wache Nächte, man solle „toll sein wie ein Hecht / Und böse wie ein Wolf“. Das lyrische Du wird „gesattelt“, um das Ich „gemächlich ins Jenseits“ zu bringen. In verrätselten, originellen Bildern geschehen Erkundungen einer geheimnisvollen Welt, die sich als unsere eigene herausstellt. Schwebende Zeilen kommen unscheinbar daher, erzeugen starke Bilder: „Der Regen schlichtet die Luft“. Mit Schmidt hören wir eine eigensinnige, prägnante Stimme, die neugierig auf mehr macht.

Nea Schmid bei ihrer Lesung auf Einladung der Manuskripte am 1.Tag der Poesiegalerie 2025
Nea Schmid bei ihrer Lesung auf Einladung der Manuskripte. Zwei Tage später gewann sie den 33.Open Mike Wettbewerb in der Kategorie Lyrik. Wir gratulieren herzlich!

PAUSE

20:00 Uhr

Mit nur leichter Verspätung starten wir in den zweiten Leseblock. Elisabeth Frischauf, geb. 1947 in New York, aufgewachsen in Manhattan, Tochter einer 1938 aus Österreich geflüchteten Mutter, stellt ihren Gedichtband The Lost Notebook / Das verlorene Notizbuch vor. Die Texte wurden von Astrid Nischkauer übersetzt und im Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft veröffentlicht. Sie nehmen mit in eine reichhaltige Erinnerungslandschaft. Frischauf lässt Familienmitglieder wiederauferstehen, etwa ihre im Holocaust ermordete Großmutter, deren unübertroffene Kochkünste sie preist. Dichterin und Übersetzerin lesen abwechselnd, was für das Publikum ein großer Gewinn ist; beim Lesen der englischen Originalfassung stellt das Gehirn automatisch eine muttersprachliche Version her – die dann ihre offizielle Entsprechung erhält. Aus „babyblauem Garn“ wird ein Schal gestrickt, und zwar an einem „grünen Frühlingstag“; „my first crooked scarf“, also der „erste ungleichmäßige Schal“, den die Tochter mit der Mutter strickt. Die gewählte Sprache ist sanft und stark. Auch eine Ode to Peanut Butter gibt es zu hören, die der vierjährigen verhungernden Mutter in Wien einst das Leben gerettet habe. Die „Nahrung dieser bitteren Jahre“ erhält im Gedicht eine „glatte Perfektion“. Nicht nur der Geschmackssinn, auch die übrigen Sinne erlauben kleine Zeitreisen in eine bei aller Düsternis oft warme und warmherzige Vergangenheit.

Die New Yorkerin Elisabeth Frischauf mit ihrer Übersetzerin Astrid Nischkauer am 1.Tagi der Poesiegalerie 2025
Die New Yorkerin Elisabeth Frischauf mit ihrer Übersetzerin Astrid Nischkauer

David Hoffmann, aufgewachsen in Ungarn und Österreich, mittlerweile wohnhaft in Wien und Berlin, liest aus einüben ins aussterben, seinem in der Edition Exil veröffentlichten Lyrik-Debüt. Es ist dem Absurden nicht abgeneigt. Häuser werden zu Geschöpfen, ihre Fenster zu Augen und ihr Dach zum Toupet. Das lyrische Ich sitzt mit der eigenen Schwester in der Badewanne, die plötzlich aufspringt und zur Ohrfeige ausholt. Hoffmann entdeckt im Unscheinbaren das Abseitige, dichtet das Unerhebliche zum Welthaltigen um. Er habe sich intensiv mit Phobien beschäftigt, erklärt der Autor zwischendrin, weshalb es nur naheliegend gewesen sei, Liebesgedichte zu schreiben. Der Band besteht aus mehreren, in sich geschlossenen Zyklen. Hoffmann beweist Humor, eines der „vorgetragenen“ Gedichte besteht fast ausschließlich aus Klopfgeräuschen, endet schließlich mit der fragenden Einladung „Herein?“. Der eingestreute Witz bleibt wohldosiert, verkommt nie zur plumpen Witzelei; es bleibt bei heiterem Ernst, und die Lesung kulminiert in einer Aufforderung, traurig zu sein. „Stirb / Sei tot / Fahre hoch in den Himmel / Und irgendeiner Gottheit in den Arsch“.

Stunde der Wintervögel heißt Ewald Baringers im Innsbrucker Limbus Verlag erschienener neuer Gedichtband, der Nachfolger von Kinderstube der Fische (2018). Er bleibt seiner Verbundenheit mit der Tierwelt also treu. Baringer gelingt ein leichter, federleichter, dann wieder gedankenschwerer Ton. Zwar versucht er sich an der einen oder anderen „Lebensweisheit“, doch die „Durchblicker, Haarspalter, Schlaumeier“ kommen bei ihm nicht allzu gut weg. „Lieber Arschloch als Idiot“, tituliert die zu uns sprechende Stimme, und man mag dem nur begeistert zustimmen. Wie vom Titel nicht anders versprochen wimmelt es hier vor Tieren, im Vorder- oder Hintergrund treten Eulen, Pelikane, Füchse, ein Lama oder Kafkas Hase auf, die Zeit wird zum gefräßigen Alligator und es gibt keinen sehnlicheren Wunsch, als im nächsten Leben ein Kater zu sein. Auch von bekömmlichen Speisen ist die Rede, da rutscht die Sprache schon einmal dezent in Wiener Dialekt. Ein ebenso tiefsinniger wie kurzweiliger Abschluss dieses Blocks, womit wir bereits die Halbzeit erreicht haben.

PAUSE

21:00 Uhr

Frisch gestärkt (für das leibliche Wohl ist wie immer gesorgt) nehmen die weiterhin zahlreichen Besucher wieder ihre Plätze ein, um Waltraud Haas zu lauschen. 1951 in Hamburg geboren, gilt sie als Meisterin der kleinen Form. Ihre hochverdichteten Sprachkapseln und aphoristischen Einlassungen bringen zum Schmunzeln und zum Nachdenken, oft beides gleichzeitig. „Ich bleibe eine Unvollendete / Lebe ich auch noch so lange“, heißt es da.

Waltraud Haas liest am 1.Tag der Poesiegalerie

Haas genügen manchmal zwei oder drei Zeilen, um einen komplexen Gedanken auszuführen oder ein markantes Bild zu entwickeln. Haas beschäftigt sich mit Vergänglichkeit, findet Worte für die berühmten „letzten Dinge“, wird dabei jedoch nie verbittert oder larmoyant, sondern bleibt selbstironisch, gar frech und unverblümt kindisch. „Alle Blumen gegossen / Alle Gespräche geführt / Ich kann also wieder / Von vorne beginnen“ – treffender wurde der ewige Malstrom des aus Einheitstagen bestehenden Alltagstrotts wohl selten benannt. „Fremd unter Fremden / Fremdle ich“ – so ist in wenigen, bewusst gesetzten Wörtern, ein ganzes Leben erzählt. Das hochkonzentrierte Publikum hört aufmerksam zu, es herrscht eine Stille, wie sie nur unter Menschen beim Hören von Lyrik entsteht. Haas: „Mein Leben war ein Schreibakt / Ich habe mich bis zur Kenntlichkeit erschrieben“.

Astrid Nischkauer – die bereits als Übersetzerin von Elisabeth Frischauf in Erscheinung trat – liest nun eigene Texte aus dem bei Parasitenpresse geplanten, noch titellosen Band Museumsgedichte 3. Ausnahmsweise liegt er noch nicht als gedrucktes Buch vor, kann also vor Ort nicht erworben werden; wir hören Unveröffentlichtes, das bald das Licht der Welt erblicken wird. Es liest eine leidenschaftliche Museumsgeherin und -aufseherin, die nicht nur die Räume und ausgestellten Werke betrachtet, sondern auch deren Betrachter. „Etwas in diesem Bild / Scheint das spätere Exil in Mexiko / Vorweg zu nehmen“, beschreibt sie ein Gemälde. Jeweils beigesteuert werden Titel, Entstehungsjahr, Künstler sowie Ausstellungsort, was das entstandene Gedicht einordnet.

See Also

Iryna Sazhynska tritt mit ihrem Übersetzer Alois Wolda auf, der ihre Gedichte aus dem Ukrainischen ins Deutsche übertragen hat. Der vorgestellte Band heißt Im Flug der Zeit und ist im Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft erschienen. Abermals hören wir die Gedichte in doppelter Ausführung, mal im ukrainischen Original, dann in der deutschen Nachdichtung. Der rasche Singsang der Autorin steht in starkem Kontrast zum gemessenen Bariton des Übersetzers. „Niemals ging ich aus dem Haus / Jetzt aber fasste ich mich / Verließ das warme Grab des Lebens“. Mit Sazhynska gibt uns eine junge ukrainische Dichterin Einblicke in den Krieg in ihrer Heimat, der nicht nur körperliche, sondern auch seelische Spuren hinterlässt. Die erlebte Gewalt bringt Erfahrungen hervor, für die nur schwer eine Sprache gefunden werden kann. Menschen zünden sich an, Hunde fressen die „schwarzen Gedärme“ eines Toten, „Mord“ ist nicht nur leere Worthülse, sondern reale Gefahr. „Man hat die Nacht gestohlen / Wie in der Nacht ein Pferd“.

PAUSE

22:00 Uhr

Wir biegen auf die Zielgerade ein. In Kooperation mit dem Vienna Poetry Film Festival wird ein Poetryfilm gezeigt. Er stammt von der 2018 mit dem H.C. Artmann-Preis ausgezeichneten Künstlerin Gundi Feyrer und trägt keinen Titel. Knallbunte, flächige Figuren bespielen nicht minder bunte Hintergründe, Körper finden ineinander und kehren wieder auseinander zurück, ein einsamer Sessel dreht sich um sich selbst. Dazu erklingt disparate Musik, im Stakkato geschlagene Töne. Gundi Feyrer spricht Gedichtzeilen ein, wird für sich selbst zum Echo, und scheint gelassen der Literatur selbst eine Stimme zu geben: „Haben wir überhaupt etwas zu sagen / Oder werden wir immer nur gesagt?“ Ein kompakter, farbenfroher Kurzfilm, der auch die Farbpalette der Lyrik auffächert.

Die eigentlich eingeplante Anna Maria Kalcher musste ihre Teilnahme leider krankheitsbedingt absagen. Ihr Band Der Tag trägt Mandarinen erschien in der Edition Tandem.

Sophie Reyer liest am 1.Tag der Poesiegalerie 2025

Es folgt Sophie Reyer, deren enormer Output den aller anderen Auftretenden spielend in den Schatten stellt, zwei bis vier Bücher pro Jahr in unterschiedlichen Genres sind bei der 1984 geborenen Künstlerin keine Seltenheit. Heute liest sie aus ihrem im Verlag Sisyphus veröffentlichten Lyrikband Leerstellenkind.

„Dennoch bleibe ich verliebt / In die Risse aus Stille / Sie gaben mir schließlich / Meine eigene Grammatik“, heißt es da, und es dröhnt die Frage nach „Wo ist Trost?“. Reyers neue Lyrik ist angenehm dunkel, schwelgt in Düsternis, wo sie es sich gemütlich macht. Ihr gelingt eine unkitschige, sensible Sprache für Körperlichkeit. „Einmal wird dieser Körper / Wie Abfall / Auf der Erde liegen bleiben“. Heilige Todessehnsucht stellt sich ein. Der Tod werde einen zwar „herausreißen“, aber lediglich „von einem Dunkel ins andere“. Die Texte sind auch ein Ringen mit dem Schreibakt selbst, der damit hadert, im Unsagbaren das Sagbare zu finden. Doch auch bei Reyer gibt es die „Sehnsucht nach einer besseren Welt“, und erleichtert stellen wir fest: „Gemeinsam leben geht noch“. Es handelt sich um „Korrekturen von Wirklichkeiten“, für die man ein Sensorium entwickeln muss. Die große Ernsthaftigkeit dieser Kunst steht für sich.

PAUSE

22:30 Uhr

Nach einer kurzen Umbaupause – und wegen des unverhofften Ausfalls plötzlich wieder pünktlich – beschließt Bertl Mütter den Abend. Sein trombohuwabone ist eine „ernste Jandliade“. Udo Kawasser attestiert dem Künstler in der Einführung „Musikalität, Intelligenz und Spielfreude“, und verspricht damit nicht zu viel. In Trenchcoat und Hut tritt Mütter auf, packt übertrieben unbeholfen sein Instrument aus und richtet sich umständlich ein. Die Posaune wird anfangs weniger gespielt als malträtiert, und in des Künstlers Selbstkommentierung gleiten wir nahtlos in die Rezitation von Jandls Gedichten. „Kennen Sie mich, Herren?“, fragt er mehrmals, oder doch „Können Sie mich hören?“.

Mütter führt Jandls Texte ihrem ureigenen Verwendungszweck zu – mit Inbrunst vorgetragen zu werden. Der Mantel wird ausgezogen, unter dem weitere Mantelschichten lauern, die ebenfalls abgelegt werden. „Ich haben ein Hut an / Gut Hut“. Mütter verkörpert die Sprache selbst, schlüpft in die Rolle der zu uns sprechenden Stimme, übernimmt zeilenweise die Perspektive einer konkreten Figur. Damit wird die Lesung zum „Spiel“, in dem keine einzige zungenbrecherische Wortspielerei verstolpert wird. Mütter agiert nicht nur text- und sprechsicher, sondern stets gekonnt innerhalb jenes Bereichs, in dem lustvoller Schalk nicht zu unterforderndem Klamauk wird. Vortrag wechselt sich ab mit avantgardistischem Posaunengetön, das Blasinstrument spöttelt und tschilpt. Der fliegende Wechsel zwischen Text und Musik verdeutlicht die Musikalität der Sprache, eines wird zum anderen, bis das andere vom einen nicht mehr zu unterscheiden ist. So hat man Jandl noch nie gehört – aber genau so sollte man ihn immer hören! Das fulminante Finale eines erfreulichen ersten Festivaltages.

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