Daniela Chana liest Peter Clars Und lassen stehen das Meer
Eine Reise durch Südengland wird in Peter Clars neuem Gedichtband Und lassen stehen das Meer zum Ausgangspunkt für Gedanken über den Tod und das Spannungsfeld von Geschichte und Gegenwart. Eines blitzt dabei immer wieder tröstend auf: die Liebe zur Sprache und zur Literatur.
Der Band setzt sich aus 17 – nicht allzu langen – Langgedichten zusammen, in denen das lyrische Ich von Lewes ausgehend verschiedene Orte Südenglands bereist, von Brighton über Salisbury und Stonehenge bis nach Bath. Begleitet wird das Ich von einem Du, mit dem es in einer romantischen Beziehung steht. Die beiden „keppeln“ – ein Ausdruck, den Clar wunderbarerweise verwendet und der leider in der Lyrik viel zu selten vorkommt –, essen, trinken Wein und Whisky, schlafen miteinander und reden über Geschichte und Literatur.

Auffallend oft sind es Bilder des Todes, die dem Paar auf seiner Reise begegnen. Am Straßenrand fällt der Blick des lyrischen Ichs auf Kadaver von Füchsen, Rehen oder Fasanen, in der Kirche sind es handgeschriebene Nachrichten an verstorbene Kinder, die seine Aufmerksamkeit erregen; die Schlagzeilen in der Zeitung handeln von Krieg. Dazu passend ist das Gebäck, an dem das Ich kaut, trocken, und gleich mehrfach wird der schlechte Kaffee erwähnt.
Cover © müry salzmann
Erst ab der Mitte des Bandes vollzieht sich scheinbar eine Lockerung, eine Entspannung, so wie es auch bei einer realen Reise oft der Fall ist, wenn der mentale Stress nach und nach abfällt. Wie eine Erlösung wirkt es, als am Strand von St. Ives endlich spielende Kinder auftauchen, fortan tritt das Ich vermehrt in Dialog mit dem Du, und im finalen Gedicht, einem konzeptuellen Höhepunkt gleich, sitzen die beiden im Restaurant zwischen zwei Liebespaaren: einem, das sich erst in der Phase der Annäherung befindet, und einem, das seit dreißig Jahren zusammen ist, wie sich aus dem mitangehörten Gespräch ergibt. Diese gelöstere Zuwendung zur Gegenwart wirkt wie eine tröstliche, hoffnungsvolle Antwort auf die düsteren Bilder und Gedanken, mit denen die Reise begann.
Woran man sich einst erinnern wird
Auf den verschiedenen Stationen der Reise wirft dieses Ich einen einfühlsamen und doch klaren Blick auf Menschen, Landschaften und Tiere. Was der Sprecher sieht, setzt er stets in Beziehung zu seiner Lektüre. Immer wieder assoziiert er Literaturzitate oder Songtexte, die er – überwiegend auf Englisch – in den Text einfließen lässt. Beim Spaziergang vor Tintagel Castle etwa fallen ihm innerhalb von drei Verszeilen Leonard Cohen, ein Songtitel von Rufus Wainwright und eine halbe Zeile von Otis Redding ein:
(…) Die Schreie der Möwen So reglos im Wind Stete, nicht müde machende Wiederholung Wie ein Cohen-Song Wie Going to a Town Wie sitting in the morning sun (…)
Clar, der umtriebige Autor und Literaturwissenschafter, der bereits Lehraufträge und Forschungsaufenthalte an unterschiedlichen Universitäten wie etwa Berkeley, Bratislava oder Danzig absolviert hat, weiß, dass er seine eigene Textkenntnis nicht als selbstverständlich voraussetzen kann. Dementsprechend hat er an das Ende seines Bandes ein Namensregister sowie selbstverfasste – und oftmals mit einem Augenzwinkern formulierte – Kurzbiografien der erwähnten Personen gestellt. Ein Verzeichnis mit Literaturnachweisen klärt über die zitierten Quellen auf. So ganz kann und will sich der promovierte Germanist scheinbar auch in seinem zweiten Lyrikband nicht vom wissenschaftlichen Anspruch trennen.
Ein interessanter Twist besteht darin, dass das lyrische Ich sich einerseits vor den Werken verstorbener AutorInnen verneigt, während es andererseits das eigene literarische Schaffen in Frage stellt. Ob auch die eigenen Texte Jahre später noch Bestand haben werden, dahingehend will es sich in aller Bescheidenheit nicht festlegen:
(…) Ich sitze und sitze Und schreibe und schreibe Als bedeute mein Schreiben etwas (…)
Strukturiert wird der Band durch die Stationen der Reise in Form von fett gedruckten Ortsnamen, die jeweils einem kursiv gesetzten Literatur- oder Songzitat gegenübergestellt werden. Darauf folgt jeweils ein Seitenumbruch, ehe gegenüberliegend das dazugehörige Gedicht zu lesen ist. Die sehr großzügige Setzung bewirkt zum einen, dass die Ortsnamen nicht wie Gedichttitel, sondern vielmehr wie Kapitelüberschriften aussehen, zum anderen wird dadurch eine gewisse Langsamkeit der Bewegung unterstrichen: Die Leerseite nach jeder Überschrift zieht erst einmal ein Innehalten, eine gedankliche Pause nach sich. Zu diesem Gefühl der Entschleunigung tragen weiters die atmosphärischen Landschaftsfotografien in Schwarzweiß bei, mit denen der Band illustriert ist, angefertigt vom Autor selbst und der Literaturwissenschafterin Anna Babka.
Kurze Langgedichte
Die Bezeichnung „Langgedichte“ stammt aus dem Klappentext und sollte an dieser Stelle kurz diskutiert werden. De facto sind die Gedichte nicht außerordentlich lang, viele enden bereits nach einer oder eineinhalb Seiten. Zutreffend mag die Zuordnung aber insofern sein, als es sich bei Und lassen stehen das Meer gewissermaßen um einen epischen Zyklus handelt. Die einzelnen Texte sind konzeptuell miteinander verbunden, beziehen sich durch Wiederholungen und wiederkehrende Motive aufeinander und weisen – wie oben bereits besprochen – in der Zusammenschau so etwas wie einen „Plot“ auf. Auch sprachlich sind Clars Texte eher erzählerisch als experimentell, was der Zugänglichkeit freilich sehr zugutekommt. Der Dichter bedient sich durchwegs einer nüchternen Alltagssprache, die zwar bildhaft, dabei aber stets präzise und gänzlich schnörkellos ist.
Peter Clar hat mit diesem Gedichtband eine kleine Schatzkiste erschaffen, die unaufgeregten, sinnlichen Lesegenuss bereithält. Er legt ein Werk vor, das zwar klug, aber nicht verkopft ist und das pure Leben atmet, das naturgemäß sehr viel mit dem Tod zu tun hat. Zu der thematisch mitschwingenden Frage des lyrischen Ichs, woran man sich in vielen Jahren dereinst noch erinnern wird, möge die Antwort lauten: Sehr gerne an diese Gedichte!
Peter Clar: Und lassen stehen das Meer. Salzburg: Müry Salzmann, 2025. 80 Seiten. Euro 22,–

