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Zwei Teetassen neben dem Spülbecken

Zwei Teetassen neben dem Spülbecken

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Alexander Kluy liest Daniela Chanas Affäre mit einem Erzähler


Es gibt Begriffe, die merkwürdig irisierend durch den Kosmos der Poesie wabern. Ein solcher Ausdruck ist „Gebrauchslyrik“. Beim ersten flüchtigen Hinhören meint man umgehend zu verstehen, was gemeint ist; bei innehaltendem Nachdenken löst sich der angeblich geortete Sinngehalt recht rasch in ein sich noch rascher verflüchtigendes Nichts auf. 

Cover © Limbus Lyrik

Hinzu kommt, dass die akademische Germanistik unter Gebrauchslyrik etwas gänzlich anderes versteht als Leserinnen und Leser, die zu Poesie des 20. Jahrhunderts greifen. Die an Hochschulen dozierenden Literaturhistorikerinnen und -historiker fassen unter dieses Schlagwort nämlich all jene Huldigungen, sprachlichen Kränze und Huldigungen zusammen, die in den Jahrhunderten vor 1800 an Adels-, Fürsten-, Königs- und Kaiserhöfen ausgehaltene Poeten zu diversen klein- und großfestlichen Anlässen zu verfassen hatten.

Im 20. Jahrhundert tauchte Gebrauchslyrik in der Neuen Sachlichkeit, also nach 1920, auf. Das Wort meinte die Produktion von so ähnlichen, dabei so unterschiedlichen Dichterinnen und Dichtern wie Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Mascha Kaléko und Bertolt Brecht.

Klarheit, Leichtigkeit und Offenheit

Es war Brecht, damals gerade einmal 29 Jahre jung, der 1927 seinem mit 50 Gedichten nicht wirklich ausgreifenden Buch Hauspostille eine „Anleitung zum Gebrauch der einzelnen Lektionen“ als Prolog voransetzte. In apodiktischer Drastik – und ähnlich wie bei Goethe das Frankfurterische, muss man sich bei Brecht stets ein Augsburger Schwäbisch akustisch vor Ohren führen – schrieb er da: „Diese Hauspostille ist für den Gebrauch der Leser bestimmt. Sie soll nicht sinnlos hineingefressen werden.“

Dass sieben Jahre später der Dresdner Erich Kästner einen Gedichtband herausbrachte, in Zürich, nicht in Deutschland, wo über ihn die Nazis ein Publikationsverbot verhängt hatten, den er „Lyrische Hausapotheke“ benannte, hieß auch: Diese Poeme waren zum „Gebrauch“ gedacht. Das vermittelte schon der barock ausschweifende Untertitel: „Gedichte für den Hausbedarf der Leser. Nebst einem Vorwort und einer nutzbringenden Gebrauchsanweisung samt Register“.

Was kennzeichnet nun dieses Genre? Ein bewusstes Ausblenden alles Hermetischen, alles Dunklen, das Meiden obskurer bis obskurantistischer Metaphern sowie gelängter, über Vakatseiten sich ziehender Enjambements. Dafür: Klarheit, Leichtigkeit, Eingängigkeit, empathische Offenheit.

Ebendieser „Schule“, die vieles war, nur nie eine Schule, lässt sich Daniela Chanas Lyrik zurechnen. Die gebürtige Wienerin und im Fach Komparatistik promovierte Literaturwissenschaftlerin debütierte 2018. Infolge ihres Bandes Sagt die Dame erreichten sie nicht wenige Einladungen zu Lesungen auf namhaften Poesiefesten zwischen Innsbruck, Berlin und London. 

Nun folgt mit Affäre mit einem Erzähler der Zweitling. Bereits der pittoresk-anmutige Drolligkeit aufweisende Umschlag signalisiert, dass es hier um Konkreta geht, um scheinbar Alltägliches, das sich jedoch durchaus als magisch erweisen kann, als verzaubert, ja manchmal gar als verbal verwunschen.

See Also

„Während eines Schaumbads
Vergaß ich für einen Moment, wer ich bin
Ausgerechnet in meiner Badewanne
Einem Ort
An dem ja außer mir
Nur selten jemand anderer liegt
Aber hin und wieder doch“

Man verfolgt eine Frau durch die Welt, durch eine Stadt, dies ist der leichthin versteckte rote Faden (wobei das Lesebändchen das Pflaumenviolett des Umschlags aufgreift). Es ist eine Serie von poetischen Aventiuren des Profanen, eines gegenwärtigen Lebens, gegenwärtiger Gefühle. Begegnungen können ein Gedicht ergeben, auch Wünsche oder Sehnsüchte:

„All meine Pläne
Bleiben Fantasie
Bleiben Traum
(…)“

Witz, Esprit und Selbstironie

Aber auch Beobachtetes, eine Pseudo-Miniatur im Vorübergehen, findet sich: „Zwei Teetassen neben dem Spülbecken / Zu weit entfernt, um sich zu küssen“. Diese, scheint’s, simple Konstellation gerät Chana zu einem Morandi-Gemälde in Worten. Es kommt wie alle Poeme dieses Bandes ganz leichthändig daher, fast tänzerisch, ein Ballett in Nicht-Reimen. Dabei sollte man allerdings auf keinen Fall des Festgefugte der einzelnen Poeme, die eine lockere Suite ergeben, übersehen und überlesen wie auch das Arrangement, die „dramaturgische“ Abfolge. In nur wenigen Zeilen ein Sujet umreißen und dabei große Variabilität erzeugen, das fällt Chana offensichtlich ganz leicht – dabei dürfte dahinter ein längerer Prozess des Feilens und Korrigierens stehen –:

„Ich gebe der Melancholie in mir
Nur immer wieder andere Namen
Manchmal Arbeit
Manchmal Bürokratie
Manchmal Montag 
Bitte verzeih mir 
Für jedes Mal, wenn ich sie nach dir benenne.“

Dieses Gedicht, „Namen der Melancholie“, zeigt auch den mutmaßlich an Heine und Kästner geschulten Witz und Chanas eigenen Esprit. Und nicht zuletzt findet sich bei ihr etwas, was in der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik nicht wirklich allseits zu finden ist, geschweige denn Mainstream – graziöse Selbstironie:

„,Das sind keine Gedichte, oder?‘
Sagt sie mit meinem Gedichtband in der Hand
‚Nur so Texte, oder?‘
(…)
Ein Clown lebt in meinem Keller
Klopft mit dem Besen an die Decke
Weil mein Hin- und Hergehen
Beim Nachdenken ihn stört
Der Ernst des Schreibens hat mich nie erreicht“

Wie lauten die zwei finalen Zeilen dieses enorm unterhaltsamen Lyrikbandes (eine Kombination von Adjektiv und Subjekt, die nahezu exotisch anmutet) – bei dessen Lektüre man hofft, dass das Publikationstempo sich hoffentlich dem Gehtempo angleichen wird?

„(…)
Ich schrieb Poesie auf meinen Sportschuh
Und ging, ging, ging“

Daniela Chana: Affäre mit einem Erzähler. Gedichte. Limbus, Innsbruck, 2026. 96 Seiten, Euro 15,–

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