Daniel Böswirth liest Josef Enengls LINZ-TIBET-WIEN STENOGRAMME

Der Griff in meinen Bücherkasten gleicht dem Griff des Fischers in sein Netz. Da zappeln die kleinen und großen Gedichtbände in meiner Hand und schnappen beim Durchblättern nach Luft. Als würde man einen schon lange nicht gesehenen Freund wiedertreffen, blitzt mir das eine oder andere Gedicht von Josef Enengl entgegen.
Cover © Daniel Böswirth
Mit dem Versinken und Eintauchen in seine rätselhafte und labyrinthische Poesie verschließt sich mein Nachmittag und ich lese und staune und lese und staune.
Es dämmert und dämmert mir erst jetzt. Nicht ich habe ihn gefangen, sondern der Anglerfisch Enengl mich. Auf 119 Seiten breitet der große Außenseiter der österreichischen Nachkriegslyrik, der mit Alfred Kubin befreundet war, sein Sprachkunstwerk aus, das eine suggestive, ja magnetische Anziehung auf mich ausübt.
Der handgroße Band LINZ-TIBET-WIEN STENOGRAMME (1992/Freibord) liegt wie ein spärlich bedrucktes Tagebuch vor mir, die darin enthaltenen Stenogramme kaum länger als sieben Zeilen. Der Dichter sitzt am Beginn seiner Reise in der Altstadt in Linz in einer Spelunke und stenografiert: „Der Tod zieht im nächtlichen Lokal elliptische Kreise und tänzelt darin/Sie verkörpern das kurze Leben und offenbar die Strategie des Todes/Die Gläser sind streitbare Objekte, friedliches Nebeneinander.“
Es sind die phantastisch bestürzend poetischen und schönen Sprachbilder, die sich Gedicht für Gedicht einbrennen, wie Träume, die einen immer wieder einholen, die einen nicht loslassen und für immer bleiben. Sie tauchen zu unmöglichen Tages- und Nachtzeiten auf. Enengls Gedichte spazieren selbstbewusst durch meinen Kopf und lassen sich in ihrem neuen Zuhause nieder. Wenn aus seinen Gedichtbänden ein Satz aufsteht, dann kommt er mir nur scheinbar als Erinnerung in den Sinn, denn er liest sich hörbar selbst: „Der Kopf ist eine Muschel aus dem Meer/in der sich Legenden bilden.“ Als stiller Beobachter und akribischer Übersetzer in eine erdferne, kosmische Sprache würde man den großen Poeten auch heute nicht erkennen, wenn er zeitungslesend in einem heruntergekommenen Espresso sitzt und daraus schöpft: „Sarkasmusidylle bei dem Eingang/zum Espresso. Musik dringt aus/dem Lokal wie nachts die Sternbilder./Sie greifen förmlich nach einem.“ Die Sprachschöpfung Sarkasmusidylle ist nur eine von vielen aus Enengls außergewöhnlichem Werk. So erhebt er sich aus dem Lokal in der Altstadt in Linz, um zum Donauhafen zu schlendern. Schon das erste Gedicht geht achtsam mit dem wenigen, was Worte vermögen, um. So bin ich gefangen in seinem Stenogramm: „Abgestorbene Möwen/abgestorbene Lagerhäuser/ein einzelnes Licht im Schlepper/ein Horn ertönt am/Wassergrund der Donau.“ Was folgt, sind kurzgefasste Hafenskizzen, die sich sprunghaft in Bilder verwandeln, bewegen. Grobkörnig und stumm wie ein alter Schwarzweißfilm, bei dem das Knattern der Filmrollen den Betrug der optischen Täuschung verrät, hält der Film plötzlich an. Es zeigt sich ein Standbild von einem Fischskelett. Am Bildrand notiert Josef Enengl: „Eine Fischmumie sendet ihre toten Strahlen aus.“ So sehe ich in seinen Gedichten manchmal kurze Filmsequenzen, die, vorwärts oder rückwärts gespult, in mir Bilder hervorrufen, die sich fließend in kleinen Nuancen verändern, meist unvollständig, verschwommen, aber dann wieder auch sehr klar sind. Am Donauhafen: „Ein sibyllinischer Käfer/überquert die Landungsbrücke./Sein Körper ist/ein Abgrund/mit Frühlingsgefühlen.“ Ich muss an Die Pest von Albert Camus denken, an Franz Kafka und an den Dichter dieser Verse selbst, der am Ufer sitzt und ins Wasser schaut. Sein offener, staunender Blick hat ihn überdauert.
TIBET Widerstand des Geistes ist ein anderer Abschnitt betitelt. Das letzte Gedicht ist an poetischer Kraft besonders eindrücklich: „Ein Sägefisch mit/metallenen Augen./Eine Hütte in der/es immer Null/Uhr ist.“ Der Spiegel ist die Illusion des leicht Greifbaren. Enengl macht daraus einen schwarzen Spiegel. Wir schauen hinein und sehen nichts. Wir müssen jedes Mal bei Null anfangen. Das ist der Ausgangspunkt seines Denkens und seiner Poesie.
Ob am Winterhafen in Wien oder in einem Beisel am Brunnenmarkt: „Frau graviert sich beim Buchlesen/in Felszacken ein./Bunte Schmetterlinge säumen ihre Brüste./Ihr Schlangenfuß tastet umher/wie ein Blinder.“ Vieles gibt es im Werk Enengls zu entdecken. Bedrohliches, Absurdes, Flüchtiges von kosmisch schöner Tragweite, meist in präzise, kleine Miniaturen gefasst. Auf homerisches Gelächter folgt der „… abwärts glühende Kessel der Vernunft …“ Wer Sätze zu schreiben vermag wie „Die Narkotisierung der Welt ist noch nicht abgeschlossen“*¹, blickt tiefer und weiter als viele vor ihm und nach ihm.
Christine Lavant schrieb an Josef Enengl: „Das Gedicht ‚Der Wolf des blinden Korbflechters‘ ist einfach makellos schön. Dies empfinde ich sogar jetzt in meiner gründlichen Dürre. Und das bedeutet viel. Ich wollte, ich könnte noch einmal ein nur annähernd so schönes schreiben.“
Österreich sollte sich schämen, einen seiner wahrhaft großen Dichter gänzlich vergessen zu haben. Alle seine Bücher sind vergriffen, kein einziges wurde wieder aufgelegt. Manche Gedichte, darunter ein paar seiner schönsten, gelten als verschollen. Josef Enengl schreibt in einem seiner Gedichte: „… ich bin das verlassene Reisig von niemand berührt …“ Es bleibt auf eine Wiederentdeckung zu hoffen.
¹ Aus dem Gedicht Café Billroth, enthalten im Band Am Ursprung der Atmung. Freibord Nr. 21. Wien 1987
Josef Enengl LINZ-TIBET-WIEN STENOGRAMME (1992/Freibord)

