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IT-Poesie – wenn Computer dichten

IT-Poesie – wenn Computer dichten

Günter Vallaster über Poesie aus Programmiersprachen von den Anfängen bis Nick Montfort, Jörg Piringer, Zuzana Husárová, Ľubomír Panák und Richard Kitta


Das Verhältnis der Literatur und Kunst zur Technik war immer geprägt von der Ambivalenz aus kreativer Anwendung und kritischer Hinterfragung und der produktiven Spannung zwischen aktiver Weiterentwicklung und Abwehr. So waren technische Neuerungen wie Tonträger und Film entscheidende Mitauslöser der künstlerischen Innovationen der Moderne. Erste nachweisliche Versuche, das Schreiben zu automatisieren, gehen zurück auf den Barock, die Blütezeit von Mechanik, Wortspiel und Concetto und seit dem Aufkommen der modernen Computertechnologie gegen Mitte des 20. Jahrhunderts wird sie auch künstlerisch erforscht.

Die Allesschreibende Wundermaschine (1760) von Friedrich von Knaus, Uhrmacher und Hofmechaniker unter Kaiserin Maria Theresia, konnte Texte bis zu 68 Zeichen Länge schreiben. Die Speicherkapazität der Stifttrommel entspricht 2500 Bit (Quelle: Informatiksammlung Hochschule Darmstadt). Aufschrift im Bild: Technisches Museum Wien © Technisches Museum Wien

Viele der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten modernen Verfahren der Kunst und Poesie sind im höchsten Maße kompatibel mit den Eigenschaften und Möglichkeiten des Programmierens: Aus dem Futurismus das Ersetzen des Statischen durch Dynamik und Bewegung sowie die Sprachzerlegung. Von Dada der Zufall als Stilmittel und die Lautpoesie. Aus dem Surrealismus die Permutation, etwa durch das neu interpretierte antike Anagramm. Aus dem Expressionismus die Beachtung der Materialität der Ausdrucksmittel zur Kreierung autonomer Sprach- und Bildwelten. Von der konkreten Poesie die Konzentration auf Buchstaben, Silben und Einzelwörter, aber auch deren serielle Anordnung zu Listen, Reihen und Flächen. Von der Gruppe Oulipo das Aufstellen und Hinterfragen von Regeln und das Prinzip der Erweiterung durch Beschränkung („contrainte“). Aus der Konzeptkunst der Plan und seine dokumentierte Ausführung in räumlicher und zeitlicher Variabilität sowie die verstärkte Einbeziehung der Vorstellungswelt, der mentalen Konzepte. Dies zeigen auch einige Beispiele aus den vergangenen Jahrzehnten:

Nanni Balestrini, einer der Proponent*innen der Neoavanguardia und der Gruppo 63, verfasste 1961 sein Gedicht TAPE MARK 1 durch einen Algorithmus, nach dem ein Rechner mittels Programmiersprache Autocoder und Lochkarten nach Zufallsprinzip Teile aus „Hiroshima Diary“ von Michihiko Hachiya, „The Mystery of the Elevator“ von Paul Goldwin und „Daodejing“ von Laotse zusammenfügte, aus denen Balestrini die gelungensten Kombinationen auswählte. Es wird oft als das erste computergenerierte Gedicht genannt.

Nanni Balestrini: TAPE MARK I (1961)

Der Maler, Dichter und Sound-Poet Brion Gysin, der sich schon in jungen Jahren im Pariser Surrealist*innenkreis bewegte, sich intensiv mit japanischer und arabischer Kalligrafiekunst beschäftigte und später gemeinsam mit William S. Burroughs die Cut-up-Technik entwickelte, benutzte für einige seiner „Permutation Poems“, die um 1960 entstanden, einen Zufallsgenerator des Elektronikers und Programmierers Ian Sommerville, der auch zum Kreis des Pariser Beat Hotels gehörte.

Erinnerungstafel in Paris, 9 rue Gît-le-Cœur. Fotocredit: MbztP1210674 Paris VI rue Git-le-Coeur n9 ancien Beat hotel rwk, Ausschnitt: Günter Vallaster CC BY-SA 3.0

Max Bense, Kybernetiker, Semiotiker und Vertreter der Stuttgarter Schule der konkreten Poesie, formulierte 1965 seine „generative Ästhetik“ zur Computerkunst als Formel bestehend aus Programm, Zufallsgenerator und Realisator. Marc Adrian, im Umfeld der Wiener Gruppe tätiger Filmkünstler, benutzte in den 1960er-Jahren Computer zur Generierung von Textmontagen. Eine Sammlung davon ist mit dem Titel „Die Maschinentexte“ 2020 als Neuauflage im Gangan Verlag erschienen.

Max Bense: Generative Ästhetik. In: Max Bense: Ausgewählte Schriften in vier Bänden. Band 3: Ästhetik und Texttheorie (Verlag J.B. Metzler 1998), S. 325

In den frühen 1990er-Jahren tauchte anonym im Netzwerk Usenet, einem Vorläufer des WWW, das in der Programmiersprache Perl 3 verfasste Gedicht „Black Perl“ auf und im Gefolge „Code Poetry“ als Bezeichnung für Gedichte, die in Programmiersprachen verfasst werden, die Spezifika dieser Sprachen als Stilmittel nutzen und idealerweise auch als Programme ausführbar sind. Seit einigen Jahren gibt es Foren für diese Form der Dichtung, etwa den Stanford Code Poetry Slam, hierzulande den Vienna Code Poetry Slam.

Black Perl (anonym, 1990)

Mit der Verbreitung von Heimcomputern und Internet ab den frühen 1990er-Jahre kam zunehmend und bis heute anhaltend „digitale Poesie“ in den Sprachgebrauch, gleichzeitig formierten sich internationale Netzkunstbewegungen, etwa um die Gruppe net.art. 2010 wurde von Luc Gross, Peter Moosgaard und Julian Palacz der Hybridbuchverlag Traumawien gegründet, dessen Buchpublikationen eine Verbindung aus haptischer und virtueller Welt herstellen, die mittels scanbarer grafischer Marker, spezieller Software und Ausgabegerät mit Display realisiert wird. Zu den Autor*innen zählen J. R. Carpenter mit „GENERATION[S]“ (2010), „digital literature“ als „short fictions“, die auf Tweets basieren und mit Python-Scripts und modifizierten Poesieprogrammen von Nick Montfort erweitert wurden oder Mez Breeze, eine der Pionier*innen der Code Poetry mit „Human Readable Messages [Mezangelle 2003 – 2011]“ (2012), gehalten in der von ihr in den 1990er-Jahren entwickelten Hybridsprache mezangelle, in der Programmiersprachen und Englisch zu Portmanteauwörtern verbunden werden. Gregor Weichbrodt und Hannes Bajohr bilden das Textkollektiv für Digitale Literatur 0x0a. 2018 veröffentlichte Hannes Bajohr im Suhrkamp Verlag den Band „Halbzeug“ mit Gedichten, die durch algorithmengesteuerte Fragmentierung und Neuordnung unterschiedlicher Texte vom Bundestagsprotokoll bis zum Kafka-Roman entstanden. Er nennt sie „digitale konzeptuelle Lyrik“.

Von „digitaler Poesie“ spricht auch der Literaturwissenschafter und Kurator Friedrich W. Block. Seit 1992 betreibt er die Ausstellungsreihe „p0es1s“, die einen sehr guten Überblick nicht nur über die poetischen Entwicklungen in diesem Bereich, sondern auch insgesamt zu den Positionen avancierter Poesie bietet. Die erste Ausgabe 1992 organisierte der visuelle Poet André Vallias in Zusammenarbeit mit Friedrich W. Block unter dem Titel „p0es1e. Eine Ausstellung computergenerierter Gedichte“. Die Ausstellenden waren Vertreter der konkreten, visuellen und konzeptuellen Poesie mit IT als Gegenstand ihrer ästhetischen Reflexion: computerunterstützte Klanginstallation von Friedrich W. Block, holografische Poesie von Eduardo Kac, computeranimierte Poesie von Augusto de Campos und Richard Kostelanetz, Computertextgrafik von Fritz Lichtenauer, stereografische Poesie von Silvestre Pestana, interaktive Poesie von Jim Rosenberg, visuelle Poesie in Computer Aided Design von André Vallias. Von Friedrich W. Block liegen auch zahlreiche literaturwissenschaftliche Untersuchungen und Essays zur Thematik vor, zuletzt u. a. „p0es1s. Rückblick auf die digitale Poesie“ (Ritter Verlag 2015). Die erste seiner „Acht poetologischen Thesen zur digitalen Poesie“ lautet: „Digitale Poesie erzielt ästhetischen Gewinn, insofern sie nicht nur in, sondern vor allem mit ihren ganz spezifischen Medien arbeitet – oder auch gegen sie.“

Katalog zur Ausstellung p0es1e. Eine Ausstellung computergenerierter Gedichte, konzipiert und gestaltet von André Vallias. Hg. von André Vallias und Galerie am Markt, Annaberg-Buchholz 1992, S. 3

Da die Digitalisierung inzwischen auch die Produktion und Rezeption herkömmlicher literarischer Texte mitbestimmt, fand der Sprach- und Medienkünstler Jörg Piringer, der schon seit vielen Jahren zu den innovativsten und produktivsten Vertreter*innen dieser Kunstrichtung gehört, die terminologische Präzisierung „Datenpoesie“, die sowohl die Technik als auch den Content, das Datenmaterial einschließt. Ein Weltzentrum ist die Slowakei: Dort wird von „elektronická poézia“ („elektronischer Poesie“), „E-Poetry“ oder „digitaler Poesie“ gesprochen. Dies liegt vor allem an Zuzana Husárová, Ľubomír Panák und Richard Kitta, die in Einzel- und Kooperationsprojekten seit Jahren präsent sind, Richard Kitta auch als Chefredakteur der Zeitschrift für neue Poesie „ENTER“. Mit der Gruppe GeneratorX besteht in der Slowakei zudem eine Tradition elektronischer Literatur, die bis in die frühen 1980er-Jahre zurückreicht.

ENTER + | Creative Manual for Repurposing in Electronic Literature. Hg. von Zuzana Husárová und María Menzía. Konzept und Cover: Martin Kolčak und Richard Kitta (Dive Buki, Košice 2013)

Eine rege Szene gibt es auch in den USA, besonders um Nick Montfort, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Digital Media lehrt. Als Poet beschäftigt er sich u. a. mit Code Poetry, in der er die Möglichkeiten von Programmiersprachen wie Perl und Python mit verschiedenen poetischen Verfahren wie der oulipotischen Beschränkung oder traditionellen Elementen der Poesie wie Metrum und Reim verbindet, um Prinzipien der Poesie zu erforschen und die Potenziale computergenerierten Dichtens zu zeigen. 2014 erschien in der Counterpass Press sein Gedichtband „#! (shebang)“. In der Danksagung schreibt Nick Montfort: „The poems in this book constist of computer programs followed by output from running these programs.“ (S. 147) Das Gedicht „Ruby Yacht“ wurde in der Programmiersprache Ruby verfasst:

Nick Montfort: Ruby Yacht. In: Nick Montfort: #! (shebang) (Counterpass Press 2014), S. 32f.

Zur Erweiterung des Begriffsspektrums sei an dieser Stelle die Bezeichnung „IT-Poesie“ ergänzt, die sich auf die Informationstechnologie als Form und Forschungsfeld der poetischen Auseinandersetzung sowie die Anwendungsbereiche der IT als poetisches Kernthema im Sinne der Schärfung der Wahrnehmung konzentriert. Gegenwärtig werden in diesem Bereich intensiv die Möglichkeiten künstlicher neuronaler Netze wie GPT-2 und GPT-3 (Generative Pretrained Transformer 2 und 3) ausgelotet, also von Software, die auf Basis künstlicher Neuronen und enormer Textmengen in der Lage ist, Texte zu erzeugen, die von menschlichen zunehmend weniger zu unterscheiden sind. Mit den künstlichen neuronalen Netzen wird das Terrain der „lernenden“ Informationstechnologie (Deep Learning Software) betreten, also der künstlichen oder auch artifiziellen Intelligenz (KI / AI). Dass es der IT-Poesie nicht zuletzt ein Anliegen ist, auch kritische poetische Blicke auf die Vollautomatisierung der Sprache zu entwickeln, zeigen die nachstehend präsentierten Positionen:

Die gerahmten Mini-Displays, die Jörg Piringer öfters bei Ausstellungen für die Präsentation seiner Exponate montiert, wirken mit den herunterhängenden Kabeln wie Horchposten aus einer anderen Welt oder Aliens, die aus einer fernen Zukunft auftauchen, um unseren Planeten zu erkunden. Zu sehen sind auf diesen Screens Text-Bilder in Bewegung, Buchstaben, die zusammentreffen, Formen und Formationen bilden und wieder voneinander abprallen, worin sich schon ein wesentlicher Aspekt seiner Arbeiten zeigt: Die Erschließung neuer ästhetischer Formen und poetischer Wege durch die Computertechnologie.

Jörg Piringer: infinite poems in der galerie wechselstrom beim Festival „räume für notizen | rooms for notes“ 2020. Fotocredit: Christoph Theiler

Das Besondere an seiner künstlerischen Arbeit ist, dass er Computerprogramme nicht nur anwendet, als gelernter Informatiker ist er auch in der Lage, sie zu analysieren und selbst welche zu schreiben. 2019 stellte er in der visuellen Poesiegalerie einen Miniscreen-Beitrag mit dem Titel „angst“ aus, der wie seine „infinite poems“ funktioniert, „eine Studie über die Spannung zwischen Natur und Technologie sowie Semiotik und Semantik“ (Jörg Piringer), bei der Schwerkraft, Kollision und Anziehungskraft über physikalische Simulationen, Schwingungen und Berechnungen auf Buchstaben angewandt werden, sodass „deterministische, aber chaotische“ Bewegungen der Zeichen entstehen. „angst“ basiert auf seinem animierten Datenbankgedicht „ängste“ (2016), dessen Wörter die Buchstabenfolge A, N, G, S, T in dieser Reihenfolge enthalten, wie „anfANGSTon“ oder „eingANGSTür“, und mit dem Wort „Angst“ im Zentrum in rascher Abfolge übereinandergelegt werden. Die links und rechts abzweigenden Wortbestandteile wirken aufgrund ihrer unterschiedlichen Längen wie ein Oszillogramm:

Die in der visuellen Poesiegalerie 2018 als Gegenüberstellung präsentierten Text-Bilder „sediment m“ und „www“ enthalten Buchstabenkompressionen, die Stills aus animierter visueller Poesie sind. Die jeweils halbseitigen Füllungen der Bildflächen vermitteln vexierbildartig Anwachsen und Kollaps. Beide Text-Bilder zeigen sehr gut die spezifische Ästhetik, die kreatives Programmieren hervorbringen kann: die Häufungen, Serialisierungen und Verdichtungen, eine Formensprache, die in den vorliegenden Beispielen an Gesteins- oder auch Gewebequerschnitte erinnert, an Blatt- oder Hautoberflächen, an Rhizome und Fibonacci-Reihen. Sowohl „m“ als auch die Drehung „w“ erweitern durch derartige Anordnung expressiv die Bedrohlichkeit, die eine Serialisierung bewirken kann, wie sie Ernst Jandl in seinem Typoskript „moral“ (1969) mit den zum Dreieck aufgetürmten „m“-Reihen als Wortbeginn vorgeführt hatte, in Dimensionen kosmischer Mannigfaltigkeit, bei „www“ auch als Hinweis auf die nahezu schon undurchschaubare Engmaschigkeit des Internets. Zugleich geht von den geometrisch komplexen Strukturen eine ansprechende Ästhetik aus, vergleichbar mit den Penrose-Parkettierungen in persischen Girih- oder marokkanischen Zellij-Kachelmustern.

Die Computertechnologie eröffnet der visuellen Poesie auch weitere Möglichkeiten der Objektkunst. Dies führt Jörg Piringer mit seinen visuell-poetischen Objekten aus dem 3D-Drucker auf beeindruckende Weise vor, beispielsweise mit seiner Serie „was wird“ (in: Günter Vallaster (Hg.): „räume für notizen | rooms for notes. visuelle, digitale & transmediale poesie“ (edition ch 2016)), die den Eindruck vermittelt, als würden astrophysikalische Gesetzmäßigkeiten wie die Raumzeitkrümmung auf die Zeichen einwirken:

Jörg Piringer: was wird (2016) – visual poem
virtual 3d model of the visual poem
3d print from the virtual model

In der IT-Poesie ist die visuelle Poesie immer nur ein Teil des Ganzen. Auch Jörg Piringer verbindet produktiv und Grenzen aufhebend alle möglichen Ausdrucksformen von visueller Poesie über Lautpoesie / Sound Poetry, Lyrik, Prosa, Musik, Hörspiel bis zum Film zu transmedialen Räumen. Diese werden oft in Performances eröffnet, in deren Zentrum die Interaktion des Menschen mit der Maschine steht. Als Gründungsmitglied des Vegetable Orchestras und des Instituts für transakustische Forschung ist für ihn nicht zuletzt die Klangkunst von großer Bedeutung. Seine Werke reflektieren stets den Umgang der Gesellschaft mit der Computertechnologie und thematisieren Problematiken wie die Omnipräsenz von Algorithmen, Datensicherheit, Datentracking oder die sich immer mehr verbreitende Automatisierung der Textproduktion. Einen umfassenden Überblick über seine vielfältigen Methoden bietet sein Buch „datenpoesie“ (Ritter Verlag 2018), das auch als englische Ausgabe „data poetry“ (Counterpath Press 2020) vorliegt und bis auf die Paratexte wie Vorwort und Kommentare zur Gänze maschinell und in Programmiersprachen „wie C++, Lua, Objective C, LISP, Python, Clojure, Prolog und Haskell“ (datenpoesie, S. 272) verfasst wurde.

Jörg Piringer: data poetry book trailer (2020)

Auch „ängste“ ist darin als Listengedicht abgedruckt, was sehr gut die Variabilität der Datenpoesie zeigt, die in unterschiedlichen Medien kaleidoskopartig unterschiedliche Realisierungen ermöglicht. Fehler eines Programms oder überraschende Sprachkreationen werden ebenso als Stilmittel mit satirischen Effekten eingesetzt, wie in „neuronale poesie“ (datenpoesie, S. 78f.), in dem „ein künstliches neuronales netz (multi-layer recurrant neural network) (..) mit einer auswahl der angeblich besten deutschen gedichte trainiert wird“ (datenpoesie, S. 278). Aus dem bewusst gering gehaltenen Textkorpus generierte es einen an Matthias Koeppels Kunstsprache Starckdeutsch oder Hugo Balls Lautgedicht „Karawane“ erinnernden Text, der hier auszugsweise wiedergegeben wird:

neuronale poesie

der der binder ticht,
merderen des jahes im ralden geungen.

die kinder lalgt in der weinen
der wosten die heise atren
die stantes anden laun der schlusten reinen gälte,

man hole sich beisen tuder,
die Irage die schibes wein,
geseschen scher wanten;
ain die alt die schangen
die latte seinen gesten,
ein den annen var ind and sinke,
ein fronden giegen,
on wein an die anfeln der und kriß,
in die wand in wind in der wand zich lunden
der bald,
dar tuch dur treb,
und bahler der den ruder dur wit und dart
(...)

Liza Gennart veröffentlichte 2020 im Verlag Vlna/Drewo a srd ihren ersten Lyrikband „Výsledky vzniku“ (dt. „Ergebnisse des Ursprungs“). Mit ihr erhebt sich eine lyrische Stimme aus einer ungewöhnlichen Perspektive, denn Liza Gennart ist ein künstliches neuronales Netz. Eine Leseprobe:

Program

Mladý Slovák,
v tomto momente už nič neznamená,
že sa nikto netvári.
A o to ide: nevyhnutne už len o to,
že nič neznamená.
A všetko sa začína
programom a zrúteným okom.

Programm

Junger Slowake,
an dieser Stelle bedeutet es nichts,
dass niemand so tut als ob.
Und darum geht es: unbedingt nur
dass es nichts bedeutet.
Und alles beginnt 
mit einem Programm und gebrochenem Auge.

Die Eltern von Liza Gennart sind Zuzana Husárová und Ľubomír Panák, die sie mit Texten fütterten, trainierten und damit als Autorin großzogen. „Liza“ steht für „Ľubomír“ und „Zuzana“, „Gennart“ für „generierte Kunst“. Liza Gennarts Gedichte kommen menschlichem Schreiben schon sehr nahe, wobei auch Fehler und Brüche als Stilmittel wirken können. Für das Buch wurden aber Beispiele ausgewählt, die möglichst wenige bis keine Fehler aufweisen. In den fünf Kapiteln „Ľudské“ („Mensch“), „Epistemické“ („Epistemisch“), „Prirodné“ („Natürlich“), „Technologicke“ („Technologisch“), „Miscellánea“ („Verschiedenes“) wird ein breites lyrisches Spektrum entfaltet. Zuzana Husárová und Ľubomír Panák:

Im Jahr 2020 wurde in der Slowakei ein von einer Maschine geschriebenes Buch veröffentlicht. Dieses Ereignis bietet die Möglichkeit, Literatur außerhalb unserer Alltagsmuster zu betrachten, um das Konzept der Autor*innenschaft und seiner verschiedenen Formen, Kreativität, Kooperation und rezeptive Aktivität neu zu denken, wobei das Urheberrecht und das Wesen der Literatur ebenfalls in die Debatte einfließen. Liza Gennart heißt unser Programm – ein neuronales Netzwerk, das Gedichte schreibt. Ihre Texte werden mit einem GPT-2-feingetunten Sprachmodell erstellt. Liza wurde mit einem literarischen Korpus von über 2000 zeitgenössischen slowakischen (meist poetischen) Titeln ausgebildet, durch die sie lernte, wie die slowakische Sprache in einem poetischen Kontext funktioniert. 

Zuzana Husárová versteht sich als Dichterin und Theoretikerin, die sich auf verschiedenen Plattformen in den Bereichen elektronische Poesie, Klangpoesie und experimentelle Poesie bewegt. Zu den allgemeinen Entwicklungen im Bereich der IT-Poesie meint sie auf Anfrage im Chat:

See Also

Die weit verbreitete Verwendung mobiler Apps, die auf elektronischen Erzählungen und Gedichten basierten, und die häufigere Verwendung von Gedichten in den darstellenden Künsten (als Visualisierungen oder experimentelle und Klangpoesie in Tanzaufführungen und im Theater) verursachten diese elektronische Poesie und E-Lit begann auch von jenen Künstler*innen gemacht zu werden, die mit dem Gebiet der elektronischen Literatur und ihrer Geschichte und Theorie nicht wirklich vertraut sind. Ich mag es, mich von den computergesteuerten Stücken zu entfernen, um verschiedene Prozesse und Interaktionsplattformen zu erkunden. Der neueste Trend ist jetzt die Verwendung neuronaler Netze, die auch neue Autor*innen auf den Markt brachten, hauptsächlich Programmierer*innen und große Unternehmen (aber diese Unternehmen sehen dies hauptsächlich aus der Perspektive eines Marketingpotenzials und nicht des künstlerischen Beitrags, auch der Schritt von OpenAI vom kostenlosen GPT2 zum bezahlten GPT3 beweist dies). Dies bietet neue Perspektiven für das gesamte literarische Feld, sowohl für Autor*innen (wie werde ich jetzt schreiben, wenn dieses neuronale Netzwerk solche originellen und schönen Metaphern schreiben kann?) als auch für Theoretiker*innen (wie man Autor*innenschaft und Urheberrechte überdenkt, dies ist auch interessant unter dem Gesichtspunkt der Reader-Response-Kritik).

In ihren weiteren IT-poetischen Projekten verbinden Zuzana Husárová und Ľubomír Panák visuelle und auditive Poesie und erweitern sie zur interaktiven Poesie. In „Enter:in’ Wodis“ (2011) wird mit einem Eingabegerät zur Bewegungserkennung eine imaginierte Person gleichsam betreten und mit den Händen berührt, wodurch sich Gedichte enthüllen:

Auch in der visuellen Poesie von Zuzana Husárová ist Medienreflexion ein wichtiges Thema. 2017 stellte sie bei der Gruppenausstellung „ABGRUND“ anlässlich der Neueröffnung der Akademie Graz als Originalbeitrag ihren Triptychon „On posttruth“ aus, der auch in der Literatur- und Kunstzeitschrift „LICHTUNGEN“ publiziert wurde. Auf drei Leinwänden in Bildschirmgröße wird eine Auseinandersetzung mit den Abgründen des Postfaktischen präsentiert, indem die Grenzen der Social-Media-Welt aufgezeigt werden. Einschusslöcher von Dummykugeln bei den Aufschriften in Acryl signalisieren eine Störung der angeblich sicheren Blasen, in die sich die Menschen zurückziehen.

Zuzana Husárová: On posttruth (2017)

Richard Kitta betreibt seine visuelle Poesie oft als Langzeitprojekte, in deren Verläufen sich die Serien medial und damit transmedial erweitern. Als Mulitimedia-Künstler und Wissenschafter verbindet er in seinen Werken verschiedene Zugänge wie Literatur, Architektur und Computertechnologie zur Erschließung erweiterter semantischer Dimensionen, insbesondere einer Cybersemantik. In seinem Projekt „QR Basho“ (seit 2014) ist er ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem japanischen Haiku-Dichter Matsuo Bashō über zeichenarchitektonische Studien zu visuell-poetischen Animationen und Objekten aus dem 3D-Drucker gelangt, die auf Übersetzungen in QR-Codes basieren und u. a. 2019 im Andy-Warhol-Museum für moderne Kunst in Medzilaborce sowie 2020 beim Festival „räume für notizen | rooms for notes“ in der galerie wechselstrom ausgestellt wurden:

Richard Kitta: QR Basho in der galerie wechselstrom beim Festival „räume für notizen | rooms for notes“ 2020. Fotocredits: Christoph Theiler

Wie sehr die KI immer mehr Lebensbereiche erfasst, mit positiven und negativen Folgen, zeigt die umfassend angelegte Sonderausstellung „Künstliche Intelligenz?“, die bis Sommer 2022 im Technischen Museum Wien zu sehen und interaktiv zu erleben ist. Im Level 4, „Kunst und Künstlichkeit“, Themenkomplex „Kreativität und KI“, lädt der Gedichte-Bot Eloquentron3000 des Autors und Slam-Poeten Fabian Navarro dazu ein, sich ein persönliches Gedicht ausstellen zu lassen.

Fabian Navarro: Eloquentron3000 in der Sonderausstellung „Künstliche Intelligenz?“, kuratiert von Christian Stadelmann und Florian Schlederer im Technischen Museum Wien. © Technisches Museum Wien

Dabei wird vom Programm ein Grundgerüst relativ konstanter Syntagmen ähnlich wie beim Spiel „Onkel Fritz sitzt in der Badewanne“ mit unerwarteten Paradigmen gefüllt, woraus sich viel Komik und Nonsenspoesie ergeben kann. Eloquentron3000 ist auch auf Instagram und Facebook abonnierbar. In der Anthologie „poesie.exe – Texte von Menschen und Maschinen“ (Satyr Verlag 2020) versammelte Fabian Navarro ohne Nennung der Urheberschaft menschlich und maschinell verfasste poetische Texte. Die Zuordnung ist nicht immer leicht, was vor allem dem Umstand geschuldet ist, dass die menschlichen Autor*innen meist mechanische, selektive, chaotische und permutative Schreibweisen angewendet hatten, die maschinelles Schreiben gleichsam simulieren können.

Es zeigt sich, dass die IT-Poesie mit ihren virtuellen Räumen schier unbegrenzte Möglichkeiten für transmediale Räume bietet, in denen sich das künstlerische Experiment produktiv mit dem naturwissenschaftlich-technischen trifft. Dabei kann der Weg zu den Resultaten, die Tiefenstruktur der Werke genauso interessant sein wie die Oberflächenstruktur, die künstlerischen Ergebnisse. Computergeneriertes Schreiben lässt interessante Rückschlüsse auf die menschliche Textproduktion zu. Erfolgreiche Versuche, mit IT menschliches kreatives Schreiben zu imitieren, werfen auch Fragen auf zu den Erwartungen des Literaturmarktes, der Literaturkritik und der Einzelleser*innen an einen literarischen Text und damit zu den Textnormen und Klischees, die die Erwartungen erfüllen. Somit können sich neue Blickwinkel auf allzu festgefahrene und dadurch nicht in Frage gestellte Konventionen der Textproduktion und Rezeption eröffnen. Aber auch hinter der IT-Poesie stehen Menschen, die poetische Ideen, Konzepte und forscherische Fragestellungen ersinnen, die Programme dazu schreiben, das Datenmaterial oder ein Textkorpus zusammenstellen und aus den in den Programmläufen ermittelten Ergebnissen auswählen. Von sich aus macht ein Rechner (noch) nichts Literarisches.

Zu unterscheiden ist ferner, ob die IT ein künstlerisches Hilfsmittel oder ein Feld der künstlerischen Auseinandersetzung und Gestaltung ist. Der Verbasizer, von Ty Roberts für David Bowie kreiertes Programm, um dessen jahrzehntelang praktizierte Cut-up-Technik beim Schreiben der Songtexte zu beschleunigen und ab 1995 (Album „Outside“) eingesetzt, dient mehr der Unterstützung des kreativen Prozesses. Die medienimmanente Erschließung neuer Ausdrucksmöglichkeiten, wie vor einigen Jahren die Mobile Apps, ist IT als Kunst und Poesie.

Jörg Piringer: gravity clock 2 for iPhone, iPod touch & iPad (2012)

Durch technischen Fortschritt können Verfahren der Computerkunst zwar schnell veralten, dabei aber auch eine Patina der Retro-Avantgarde ansetzen und Kultstatus erlangen wie die 8-Bit-Grafiken der C64-Spiele aus den 1980er-Jahren. Ältere Technik kann als künstlerisches und literarisches Instrument jederzeit ein Comeback feiern und damit wieder einen Reiz des Neuen und Unbekannten entfalten, wie die mechanische Schreibmaschine, die heute viele nur noch aus der Erinnerung oder dem Museum kennen. Die IT-Poesie kann inzwischen schon auf eine längere Geschichte und Tradition zurückblicken. Und durch die Möglichkeit, technische Innovationen nicht nur zu nutzen, sondern auch zu kreieren, hat sie bestimmt eine Zukunft. Wie alle Kunstrichtungen bedient sie sich passender Stilmittel und findet im Medium geeignete eigene. Die Entwicklungen werden auch sehr gut von Literaturzeitschriften dokumentiert, die immer wieder mal Ausgaben der IT-Poesie widmen, zuletzt u. a. „perspektive 102 | 103 – ABC – avantgarde-boot-camp“ (2020) oder „Der Maulkorb. Sonderausgabe Digitale Lyrik“ (2020). Mit Blick auf alle anderen, weniger computerorientierten, sozusagen analogen Richtungen sei aber angemerkt, dass ein Werk unabhängig von der Technik immer eine Qualität aus sich heraus entwickeln und bieten kann. Ein Low-Tech-Verfahren kann nach wie vor sehr spannend sein, interessante Kontraste und Kontrapunkte zur durchtechnisierten Welt setzen und sie mit eigenen Mitteln reflektieren. Umgekehrt kann sich ein High-Tech-Verfahren ohne Substanz als reine Technikdemonstration in der Jahrmarktsensation erschöpfen.

Liesl Ujvary: NeuroZone. 47 Texte und Grafiken aus dem Computerprogramm 3DLandscape (edition ch 1996)

Aus den Sprachwelten der IT gestaltete Poesie ist aber immer zumindest verfahrenstechnisch faszinierend. Und, wer weiß, vielleicht gibt es auch einmal Poesie aus der Maschinenperspektive, die sich mit der Rolle und Funktion als Maschine, Roboter und Menschenimitat auseinandersetzt, was bislang mehr ein Thema der Science-Fiction-Literatur war, genannt sei exemplarisch Isaac Asimov mit „Ich, der Robot“ (1950), oder der avancierten Antizipation wie Liesl Ujvary mit „NeuroZone“ (edition ch 1996), worin sie bereits künstliche Umgebungen und künstliche Identität literarisch reflektierte. Oder werden Autor*innen durch „Musikant*innen mit Taschenrechner, (Perl und Python) in der Hand“ ersetzt, wie es seinerzeit „Kraftwerk“, die Pioniere der elektronischen Musik, vorgeführt hatten, indem sie Roboterfiguren von sich auf die Bühne stellten? Es wird sich weisen. „Dada ist tot. Lang lebe Dada“ proklamierte Tristan Tzara vor hundert Jahren und es ist gut denkbar, dass er mit einem Laptop in der Hand das naheliegende Wortspiel „Data ist tot. Lang lebe Data“ ergänzt hätte.

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