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Die Schönheit der großen Themen

Die Schönheit der großen Themen

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Daniela Chana liest den Gedichtband Winterreise von Julian Schutting


Es ist gewiss ein Wagnis, in einer Zeit der lauten Töne und ständig verfügbaren medialen Ablenkungen einen umfangreichen Gedichtband über Alter, Tod, Einsamkeit und verlorene Liebe zu schreiben. Wer es schafft, diese Themen auf eine Weise anzusprechen, die ihnen betörende Schönheit verleiht und dabei Raum für Humor, Wortwitz und das eine oder andere Augenzwinkern lässt, beweist eine große Kunst. Dies gelingt Julian Schutting in seiner Winterreise, die dieses Frühjahr im Otto Müller Verlag erschien.

Zentrale Figur der Gedichte ist der gealterte, humanistisch gebildete Spaziergänger, der mit wachem Blick durch die winterliche Landschaft geht. Seine Gedanken kreisen um das Unbekannte, das vor ihm liegt, besinnen sich aber ebenso auf die Vergangenheit und beschwören Erinnerungen an Liebe herauf, die manchmal erfüllt, manchmal unerfüllt war. Immer wieder kommt es dabei zu berührenden Momenten, etwa wenn ihm das Bild der verlorenen Geliebten vor Augen steht und er erkennen muss, dass er eines nicht verhindern kann:

[…] dich aber auch / in sanften Landschaften zu erkennen, / sooft mir ein
als ein Landschaftsgedicht / begonnenes Gedicht zu einem Liebesgedicht
gerät.

© Copyright Otto Müller Verlag

Schuttings Sprache ist, wie bereits bemerkt, von einer betörenden Schönheit, obwohl sie sich der leichten Zugänglichkeit verweigert. Verschlungene, teils antiquierte Formulierungen über mehrere Verszeilen hinweg, die ein wiederholtes Lesen erfordern, regen oft zum Schmunzeln an, nachdem sie in ihrer Gänze verstanden wurden: Ach, so hat er es gemeint! Oftmals besteht die Erlösung in einer treffsicheren Pointe, wenn ein Gedanke ganz anders endet als der Beginn vermuten ließ. Viele Gedichte verraten zudem eine Lust des Autors am Spiel mit der Grammatik, wodurch ironische Distanz zu einer Szene geschaffen wird, die ansonsten Gefahr laufen könnte, ins Kitschige zu kippen:

Das vom Subjekt ‚Mädchen‘ / immer schnelleren Dahinschnellens / gerudert werdende
Akkusativobjekt ‚Boot‘

Gerne arbeitet er zudem mit Wortwiederholungen, die einen eingängigen, musikalischen Rhythmus erzeugen, etwa wenn in der zweiten Strophe von „An einem fremden Ort“ das Wort „fremd“ innerhalb von sechs Zeilen siebenmal vorkommt (S. 91).

Das Können des Autors offenbart sich besonders darin, das Nachdenken über düstere Themen mit so viel Witz und pfiffigen Wendungen zu präsentieren, dass sich beim Lesen keine Schwermut einstellt, sondern eher ein Triumphgefühl: Selbst angesichts der unausweichlichen Abgründe muss der Humor nicht verlorengehen, es bleibt die innere Freiheit, der Welt weiterhin mit einem liebevollen, zugewandten Blick zu begegnen. Dem literarisch Gebildeten steht zudem der Trost der Worte zur Verfügung: Neben der Referenz auf Wilhelm Müllers Gedichtzyklus „Winterreise“ finden sich im Laufe des Bandes zahlreiche Anspielungen auf Figuren der griechischen Mythologie (Andromache und Hektor, Hero und Leander) oder der Dramen von Shakespeare (Ophelia aus „Macbeth“) sowie eine Auseinandersetzung mit Werken und Leben von Johann Wolfgang Goethe, Ingeborg Bachmann oder Percy Bysshe Shelley. Wer in seinen Gedanken so reiche Dialoge führen kann, ist auch bei einer einsamen Wanderung nie ganz allein.

Eine weitere Stärke liegt in den Landschaftsbeschreibungen, etwa wenn von

der erst im Untergehen Wolkenmauern entkommenden Sonne

die Rede ist. Diese Empfänglichkeit für starke visuelle Eindrücke mag eine Reminiszenz der Ausbildung zum Fotografen sein, die Schutting in jungen Jahren absolvierte. Besonders erhellend sind zudem die Einblicke in den Vorgang des Schreibens, die der Autor an einigen Stellen gewährt, etwa wenn er in „Ein Dichter“ den kreativen Prozess als scheinbar absichtslos darstellt, als etwas, das sich fast gegen den Willen des Schreibenden vollzieht:

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cover bauer christoph w. an den hunden erkennst du die zeiten

Kopfleer möchte er mit der linken Hand / eine aufreizend weiße Papierserviette 
fegen vom Tisch, / schaut dann aber mit Interesse der rechten zu, / 
wie sie derselben ein ihm wie das eines anderen / noch unbekanntes Gedicht einschreibt.

Oft sind Schuttings Pointen gleichzeitig humor- und schmerzvoll. So verspürt der mit Du angesprochene Dichter in „Jetzt ist die Stunde der Gedichte“ in abendlicher Stimmung die Neigung in sich, ein Liebesgedicht zu verfassen und gelangt dann aber zu dem Schluss, dass er der Frau, deren Zurückweisung er gerade erst verkraftet hat, nicht noch einmal ein Gedicht zueignen kann. Diese ironische Distanz zieht sich durch den gesamten Band und schafft einen erleichternden Ausgleich zur Melancholie.

Schuttings „Winterreise“ ist für einen Gedichtband recht umfangreich, bestehend aus gut 150 Seiten Lyrik, zuzüglich eines erhellenden Nachworts von Gerhard Zeillinger, der sich in bereits jahrzehntelanger Forschung ausgiebig mit dem Werk des Autors auseinandergesetzt hat. Wer für die leisen Töne und großen Themen empfänglich ist, wird dem nachdenklichen Wanderer mit viel Freude und Genuss auf seinen Wegen folgen.

Julian Schutting: Winterreise. Gedichte. Otto Müller Verlag, Salzburg 2021, 164 Seiten, Euro 22,-

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