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„Die Schrift hat gesprochen“

„Die Schrift hat gesprochen“

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Peter Clar liest Wort des lebendigen Rottens von Lydia Haider


Lydia Haider lesen zu hören ist mehr als nur ein Erlebnis. Und wäre die Phrase nicht so abgedroschen, und wäre die Zusammenführung Frau-Natur nicht so bedenklich, man könnte wohl von einer Naturgewalt sprechen. So aber lasse ich das und spreche lieber darüber, ob das geschriebene Wort dem standhält, was das gesprochene verspricht. Und auch wenn dieser Vergleich oft ein wenig hinkt, auch wenn wir in einem Zeitalter leben, in dem Spoken Word in aller Munde ist (und man beispielsweise Amanda Gormans großartige Performance nicht allein auf das Wort reduzieren kann), auch wenn niemand, der sich auskennt Verfilmung und Buch miteinander vergleichen würde, weil es sich dabei um zwei unterschiedliche Medien handelt, macht in diesem Fall der Vergleich sicher: Das Wort Haiders hält, was Haiders Auftritte versprechen. 88 ‚Gesänge‘ sind es, die Lydia Haider in Wort des lebendigen Rottens versammelt, meist wenige Zeilen lang, manchmal etwas länger, oftmals nur einen Satz umfassend, wie der Gesang XVI: „Erquick dich, du undankbarer Fetzen“ (S. 13).

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Es sind (zumindest) drei Traditionen, die von den höchst rhythmischen Texten aufgerufen werden: Zum einen jene der großen ‚Suderanten‘ á la Thomas Bernhard oder Werner Kofler, wobei, wie bei diesen, die Erzähler*in, die/der, in diesem Fall, ‚Vorsänger*in‘ äußerst unzuverlässig ist. Zum andere jene der Übernahme, Umdeutung, Dekonstruktion der liturgischen, rituellen, christlichen Sprache á la Baudelaires Fleurs de Mal oder des (zu Recht) unbekannteren Felix Dörmann und, damit im Zusammenhang, zum dritten jene der christlichen Liturgie selbst. Schon der den 88 Gesängen vorgestellte „Aufspruch“ (S. 3) bedient sich katholischen Repertoires:

So ist es nun also und darf nicht anders sein denn
Euch sogenannter Gemeinde zu geben, was euch
zusteht.
88 Gesänge zur Hinführung.
Köpfe senken in den Text hinein.
Und es geht los.

Neben zahlreichen, wenn man so will, christlich-liturgischen Begriffen (‚Gemeinde‘, ‚Gesänge‘) bzw. Verhaltensweisen (‚Köpfe senken‘), die sich durch die Texte ziehen ist es aber vor allem der Gestus der wohl jeder und jedem in einer christlich geprägten Gesellschaft aufgewachsenen Leser*in bekannt vorkommen dürfte: Rhythmus, Syntax, die Hinwendung zum ‚Sünder‘ – die*der Adressat*in und gleichzeitig, durch das Mitlesen, das Nachbeten, Adressierende*r ist:

Gesang XXXII
Mit diesem ausgerenkten Schädel und der trostlosen Leiblichkeit, 
schau dich doch einmal an, warum herumjammern und die Missstände 
des Diesseits verdammen, du hast ein viel gröberes Problem, nämlich 
dich selbst, also sei besser eingedenk deines Fehlbaus, der vollkommen
gesprengt gehört schon längst. (S. 19)

Das in der christlichen Liturgie angelegte Verschwimmen von Adressatin/Adressaten und Adressierter/Adressiertem, mit dem Ziel der Selbsterniedrigung, Selbstverkleinerung vor dem Allmächtigen, wird von Haider, wie in diesem Beispiel, auf die Spitze getrieben, und damit in all seiner Lächerlichkeit aber auch in all seiner (abgründigen) Macht ausgestellt und dekonstruiert. Doch die Dekonstruktion greift immer beide Seiten der Dichotomien an und so ist ‚Gott‘, der freilich stellvertretend für alle hierarchisch übergeordneten, vermeintlich ‚naturgegeben‘ überlegenen Entitäten steht, die man ‚vorgeschrieben‘ bekommt und die Lydia Haider nachschreibend zerschreibt, auch nicht das, was er (und ja, es handelt sich hier um den männlichen Gott einer patriarchalen Gesellschaft) einmal war. Wie in folgender Relativierung der Selbstbeschreibungen Jesus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben…“ (Johannes 14,6); „Ich bin das Licht der Welt“ (Johannes 8,12):

Gesang XV
Freilich bist du der Mist, ein ganzer Misthaufen bist du, und ich bin die Wahrheit 
und das Licht, das über dir Mistgipfel leuchtet.

Der Sohn Gottes, des Schöpfers des Himmels und der Erde, als Licht über den Misthaufen Schöpfung: kurzer, prägnanter, böser aber auch augenzwinkernder kann man die ‚Heilsgeschichte‘ und die damit verbundenen und bis heute fortwirkenden Machtverhältnisse nicht dekonstruieren.

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Undogmatisch und augenzwinkernd

Wobei augenzwinkernd mehr als nur eine Momentaufnahme ist: Denn bei allen Tief- und Abgründigkeiten, bei aller Kritik an Kirche, Macht, aber auch der menschlichen Dummheit („Dein Denken ist so untief, man möchte weinen.“ (S. 22)) nehmen sich die Gedichte, nehmen sich die Erzähler*innenstimmen nie ganz ernst – wozu nicht zuletzt der Einsatz zahlreicher dialektaler Schimpfworte oder Wendungen beiträgt: „An dieser deiner Hinrpalette wird Erkenntnis offenbar, denn wo kann solch ein Pfosten den andern austreiben […]“ (S. 23). Und so werden Gesänge wie jener mit der Nummer X: „Tschak, brak, Dogma ins Gnack“ (S. 12) nicht nur als Kritik an den Dogmen der heutigen Gesellschaft lesbar sondern auch als Selbstreflexion, als Warnung ein Dogma durch ein anderes einfach durch ersetzen. Dass dieser Satz, wie so viele andere, auch noch das Potential hat einen zum Schmunzeln bzw. sogar zum Lachen zu bringen, ist ein zusätzlicher Reiz dieser Gesänge. Ein Reiz, der sich ebenso beim Lesen wie beim Zuhören entfaltet, vielleicht, weil der Unterschied oft gar nicht so leicht zu benennen ist: „Die Schrift hat gesprochen, Ende Gelände.“ (S. 15)

Lydia Haider: Wort des lebendigen Rottens. Gesänge zum Austreiben. Parasitenpresse, Köln 2020. 40 Seiten. Euro 10,-

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