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Verwildernde Zuggleise

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Reinhard Lechner liest den Gedichtband La lumière
fait son chemin des kanadischen Dichters Jean Perron

Im Herbst 2018 verbrachte ich zwei Monate in Gatineau, Québec. Finanziert durch ein Literatur-Austauschstipendium des Bayerischen Staatsministeriums für Kunst und Kultur konnte ich mich im Oktober und November im charmanten Maison Fairview der Weiterarbeit an einem Lyrik-Manuskript widmen. Und ich knüpfte Bekanntschaften mit den ortsansässigen Dichterinnen und Dichtern der AAAO (L’Association des auteurs et auteures de l’Outaouais). Auch Michael von Kilisch-Horn lernte ich kennen, den Münchner Übersetzer, der das Stipendium um ein Jahr vor mir angetreten hatte. Unser Treffen in Gatineau, gemeinsam mit dem Lyrikdoyen Guy Jean, sollte 2021 zum Gestalten eines Übersetzungsschwerpunkt für die „Lichtungen“ führen. Und im Zuge dieser Arbeit stieß ich zum ersten Mal auf die Lyrik von Jean Perron. Guy Jean hatte vorgeschlagen, unbedingt auch Gedichte aus dessen Band Le vent dans les arbres mit in den Schwerpunkt auf zu nehmen. Diese zurückhaltenden, zugleich kraftvoll existenziellen Verse zogen mich sofort in ihren Bann beim Übersetzen:

l’amenuisement devient menuiserie
le recyclage des nuisances
unchuchotement de la force de vie

un nunatak
sculpté par les intempéries

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die Erschöpfung wird Schöpfung werden
die Wiederverwertung der Belastungen
ein Flüstern der Lebenskraft

ein Nunatak
geschnitzt von der Witterung

Meine Lektüre von La lumière fait son chemin

Ich wollte mehr von diesem Dichter lesen und beschloss, mir Jean Perrons Werk zu besorgen, ihn zu übersetzen. Doch zunächst wollte ich den Dichter auch einmal persönlich kennenlernen. Dies ist mir bis heute ‚nur‘ über unsere Zoom-Treffen gelungen: Jean hat mit seiner ruhigen, zugleich sehr präsenten Erscheinung etwas mit seinen Versen gemein, im Aussehen erinnert er an den Häuptling aus One flew over the cuckoo’s nest[1]. Nach mehreren konstruktiven Gesprächen schickte er mir eine Auswahl von sechs Publikationen seines lyrischen Werkes mit der Post aus Gatineau über das Meer. Darunter befand sich auch La lumière fait son chemin, sein aktuellster Band, den er im Pariser Verlag Le Lys Bleu Éditions 2021 publiziert hat.

(c) Reinhard Lechner

Alle sechs Bände haben mich intensiv durch diesen Sommer begleitet, besonders aber dieser. Ich las und sprach innerlich (oder auch leise vor mich her) morgens immer wieder ein paar Verse auf dem Weg zum Regionalzug. Oder ich nahm den Band spätabends noch einmal auf meine Knie, wenn der Kopf mit den Rationalisierungen und Pflichten des Tages voll war und es besonders irritierend-schön ist, Perrons Gedichte zu lesen; ein Vers von ihm erschien mir dann manchmal so selten, so einschneidend klar wie ein vorbeifliegender Scharlachara in der Arktis:

sous l’ultime éclat du jour
l’eau est d’un bleu d’origine de la vie

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unter dem letzten leuchten des tages
ist das wasser von einem blau vom ursprung des lebens

Informationen zum Dichter, historische Einordnung seiner Gedichte

Jean Perrons Gedichte präsentieren sich im weiten Sinne als zeitgenössische Naturgedichte. Damit knüpfen sie an eine lange Tradition an, die besonders auch in der Lyrikszene Québecs ihre Weiterentwicklung durch Autorinnen und Autoren der Region gefunden hat. Darunter fallen, wie ihn Jean Perron selbst anführt, Hector de Saint-Denys Garneau, oder auch Guy Jean (Et l’eau répondit, Écrits des Hautes-Terres, 2006) und Clara Lagacé (En cale sèche, Les Éditions David 2017).

Es sind immer wieder romantische und naturalistische Substantive des Elementaren, die er in seinen Gedichten aufgreift (le feu, la terre, le vent – das Feuer, die Erde, der Wind), des Weiteren le ciella lumièrel’été oder la rivièreder Himmel, das Licht, der Sommer und der Fluss. Diese bezieht er auf die wesentlichen humanen Vitalfunktionen und -vorgänge (le souffle, la mémoire oder chercher, créerrêver – der Atem, die Erinnerung oder suchen, schaffen, träumen). So entwirft Jean Perron ein topisches Koordinatennetz, um unablässig existenzielle Positionen seines lyrischen Ichs beziehungsweise Wirs zu bestimmen. 

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Anregende literarische Besonderheiten

Die Gedichte aus La lumière fait son chemin bleiben für mich nie beim Reflektieren individueller Befindlichkeiten oder sozialer Verhältnisse innerhalb des Naturganzen Stehen. Natur ist dieser Lyrik nicht bloß ein metaphorischer Spiegel. Ihre Lektüre klingt nach in mir, lässt mich in diesem heißen August 2022 voller Waldbrände und Überschwemmungen in weiten Teilen in Europa umso nachdenklicher werden. Jean Perrons Gedichte erschließen aus meiner Sicht etwas, was unter anderem Plessner mit der exzentrischen Positionalität[2] oder Rosa in seinem Resonanz   -Konzept[3] theoretisieren: die menschliche Unversöhntheit mit der bzw. mit seiner Natur, unser Bedürfnis nach einer (Wieder-)vereinigung in der individualisierten Gegenwart. Eine Thematik, die angesichts der weitreichenden menschlichen Zerstörung unseres Planeten und der Klimakrise dringlicher denn je ist. Das Gedicht bei Jean Perron, es bildet diesen Versuch von Wiedervereinigung ab – exemplarisch dafür kann folgende Passage aus La lumière fait son chemin stehen:

sur les plus hautes branches
le souffle de vie s’amuse avec la lumière
il n’y a peut-être rien d’autre à apprendre
juste ressentir ce miracle familier

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auf den höchsten ästen
vergnügt sich der lebenshauch mit dem licht
vielleicht gilt es nichts anderes zu lernen
nur dieses vertraute wunder spüren

[1] Kesey, Ken (1962). One flew over the cuckoo’s nest. New York: Viking Press & Signet Books

[2] Plessner, Helmuth (1975). Die Stufen des Organischen und der Mensch. Berlin/New York: de Gruyter

[3] Rosa, Hartmut (2019). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Frankfurt am Main: Suhrkamp

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