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Meine Augen wecken die Alpen

Meine Augen wecken die Alpen

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Jelena Dabic liest Björn Hayers Verzeichnis der verschwindenden Pfade


Buchcover Björn Hayer Verzeichnis der verschwindenden Pfade

Der wohlklingende Titel des Bandes lässt auf eine anspruchsvolle und schöne Lektüre hoffen – und hält dieses Versprechen in beinahe jeder Zeile ein. Gleichzeitig ist es ein leiser Hinweis auf Hayers sparsam, aber doch immer wieder eingesetztes Lieblingsstilmittel: die Alliteration. Die Gedichte des aus Mannheim gebürtigen Autors zeichnen sich durch eine Eleganz in Form und Aussage, eine Vollendung in der Bilderzeichnung und Gedankenführung, ebenso aber auch durch Motiventlehnungen aus der klassischen Antike und der christlichen Kulturgeschichte aus. All dies lässt unschwer auf seine feste Verwurzelung im lyrischen Fach schließen: Hayer (Jg. 1988) ist Germanistikdozent und erfahrener Feuilletonist.

Grundgefühl von Verlorenheit und Einsamkeit

Sieht man sich die Texte im Einzelnen an, so fällt schon bei den ersten ein Grundgefühl von Verlorenheit und Einsamkeit auf. Dabei kann es sich aber durchaus auch um angestrebtes Alleinsein handeln, um den Wunsch, allein unterwegs zu sein oder gar aus der Welt zu verschwinden. Formal weisen die meisten der etwa achtzig Texte eine betont erzählende Form auf: sprachliche Verknappungen und Auslassungen interessieren Hayer nur am Rande. So trifft es sich gut, dass manche der geschilderten Szenen, in Kombination mit alttestamentarischen Motiven, stark an biblische Szenen erinnern. Diese Einbeziehung des christlichen Glaubens ist in der Tat etwas für die zeitgenössische Lyrik Untypisches. Die Wüste, mit einigen Quellen versehen, ist oft Schauplatz solch gleichnishafter Geschichten; Samen, trockene Erde und Regen sind wiederkehrende Motive; einmal predigt ein Fischer, ein anderes Mal ist es ein vom Ich angesprochenes Du, das im Predigerton spricht:

Folgt dem Wuchs des Efeus 
und ihr werdet das Leuchten spüren.

An anderer Stelle verwandelt sich der Mensch in Natur, eines der Elemente oder sogar in eine Gottheit:

Meine Arme weiten Pangäa, meine Augen wecken die Alpen 
und mein Atem gibt dem Himmel sein tiefes Blau.

Überhaupt ist die Natur als Motivquelle bei Hayer von großer Bedeutung. Einzelne Pflanzen und Insekten bevölkern manche der statischen Szenen, mehrmals ist vom ausgestorbenen Vogel Dodo die Rede; eines der Gedichte von diesem Typ trägt den Titel „Psalm des Elefanten“, ein anderes „Einhorn, nicht ewig“. So wohlklingend diese lyrischen Erzählungen auch sind – eine erinnert an Botticellis Bild von der Erschaffung der Venus aus dem Meeresschaum –, wirken manche in Sprache und Inhalt doch recht unmodern.

„Wir wussten von der Güte der Wälder“ oder „selig die schäumende Freude, als die Badende sich regt“

Es bleibt unklar, was der Autor durch erkennbare Zitate aus der Bibel beabsichtigt.

Wir pflanzten wieder Bäume und öffneten Felsen für neue Quellen. 
Wir wussten, dass es gut war.

Andererseits können auch so gestaltete Szenerien sehr lebendig wirken, wie etwa die an eine Filmszene erinnernde Miniatur, in der eine Badende auf einer Lichtung bemerkt, dass sie beobachtet wird.

Trennung, Verlust und unerfüllte Sehnsucht

In Sprache und Inhalt ganz anders geartet sind Hayers Liebesgedichte – oder solche, die auch das Thema Liebe und Zweisamkeit thematisch erfassen und die gut ein Drittel des Bandes ausmachen. Stark symbolisch aufgeladen und voller winziger Alltagsdetails ist hier „Sein, für dich“, das die Spannung zwischen Freiheit und Sicherheit zum Ausdruck bringt. Schauplatz dieses leichten und sehnsüchtig-heiteren Gedichts ist die heutige Stadt gleichermaßen wie das Gebirge.

Durch die Ozeane gleiten
und durch jahrtausendealtes Gestein schwimmen 
mit dir. 

Eine Kirche finden, gewiss im Gebet, 
und auf keinem noch so hohen Berg bleiben 
mit dir. 
Als wäre es so einfach: dir ein Haus zu bauen und Wanderer zu sein.

Im rätselhaften Liebesgedicht „Am Morgen“ könnte es sich auf den zweiten Blick genauso gut um eine Ode an einen tragisch verstorbenen Freund handeln. „Einsiedeln“ hingegen beschwört in schönen Winterbildern die Vergangenheit, aber auch ganz wörtlich die Einsiedelei. Insgesamt spiegeln zahlreiche Liebesgedichte des Bandes die Erfahrung des Verlustes oder eine unerfüllte Sehnsucht. Ein originelles Trennungsgedicht ist hierbei „Lippensee“. Szenen eines Liebesglücks, in unwirkliche Landschaften und seltsame Jahreszeiten eingebettet, werden von einem pochenden Schmerz abgelöst, „Glut“ von „Efeu“.

Dein letzter Kuss markiert ein Davor: 
von Sommernächten im Schnee, roten Flüssen, 
Wanderungen ins Blaue. 

Ein geteilter Atem, der mir nicht bleibt, 
trennt nun ein ganzes Leben auf.

Auch „Das Quadrat“ erzählt vom Ende einer Liebe und dem Beginn einer anderen, hier kommt zum wiederholten Mal das Motiv des Drachens vor, den man steigen lassen kann und irgendwann auch loslassen muss. Andererseits wird auch Unvergänglichkeit der Liebe festgestellt. In „Geburtstag“ hingegen wird das Zeitvergehen anhand einer bürgerlichen Idylle in intimen Innenräumen spürbar; nur sehr gut versteckte Hinweise deuten das Ende der Zweisamkeit und das Verlassensein an. Das letzte Gedicht des Bandes, „Einsame Flure“, zeichnet auf beinahe gespenstische Weise die Szenerie eines aufgelassenen Krankenhauses, der Verlust des geliebten Menschen durch Krankheit und Tod lässt sich erahnen. Und wieder winkt von irgendwoher die Möglichkeit eines einsiedlerischen, mönchischen Lebens …

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Gleichnisse und Miniaturen

Eine weitere Gruppe bilden schließlich Gedichte, die sich in gleichnishafter Form existenziellen Themen widmen. „Neu-Esche“, ein sehr langer Text, enthält wieder verborgene Bibelzitate, geht der Frage nach dem Anfang und Ende des menschlichen Lebens nach, dem Ursprung des Lebens überhaupt und dem unvermeidlichen Tod jedes Einzelnen. Der in die Breite wachsende Baum steht gleichzeitig für die Wiedergeburt alles Lebenden. „Gravur“, eine der für Hayer typischen winterlichen Miniaturen, feiert die Lust des Eislaufens. „Fischjahre“ blickt aus der Sicht eines Fisches auf das menschliche Leben. Von ähnlichen Verwandlungen – in eine Geige, einen See oder gar die Liebe selbst – erzählt auch „Statue in Liebe“.

Stell dir vor, dein Leben sei eine Geige. 
Wem gälte dein Vibrato? Wer hielte deine Spannung aus? 
Wer brächte dich zur rechten Stimme?

Insgesamt vermögen Björn Hayers Gedichte auf ganzer Linie zu überzeugen. Dahinter steht ein philologisch höchst fundierter Verfasser, der es versteht, seine Empfindsamkeit, seine Beobachtungsgabe wie sein kulturgeschichtliches Wissen zu lyrischen Gebilden zu verarbeiten.


Björn Hayer (* 1987 in Mannheim) ist ein deutscher Germanist, Universitätsdozent und Journalist. Zudem ist er Autor verschiedener Lyrik- und Essaybände.

Björn Hayer: Verzeichnis der verschwindenden Pfade. Gedichte. Limbus, Innsbruck–Wien, 2022, 96 Seiten, Euro 15,–


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