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Die Nuss in allen Dingen

Die Nuss in allen Dingen

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Johannes Tröndle liest Sandra Hubingers Von Krähen und Nüssen


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Essbare Tulpen, errötende Bäume oder eine Drossel mit Doktortitel in Philosophie und Physik: Lakonischer Witz und die Lust am Absurden durchziehen diesen Band. In einem der Prosastücke begegnet der Ich-Erzählerin ein Panzernashorn im eigenen Garten; zumal ein sprechendes und eines auf Weibchensuche. Nachdem sich das Tier vom flugs präsentierten (allerdings „falschen“, wie wir erfahren) Ehering unbeeindruckt zeigt, zieht die Erzählerin ihr Ass aus dem Ärmel: „Ich schreibe an einem Roman, setzte ich noch eins drauf. Das hatte gesessen. Das Panzernashorn machte kehrt und trabte davon“.

Cover © Edition Keiper

Roman hat Sandra Hubinger noch keinen veröffentlicht. Dafür die beiden Gedichtbände „Kaum Gewicht und Rückenwind“ (2016) bzw. „wir gehen“ (2019). „Von Krähen und Nüssen“ besteht aus rund einhundert poetischen Prosastücken verschiedener Länge, vom Einsätzer bis zum Vierseiter; die meisten dabei ziemlich kurz – das Panzernashorn etwa ist bereits nach einer halben Seite in die Flucht geschlagen. Die Texte sind allesamt titellos, und der Band kommt ohne Kapitel oder sonstige Unterteilungen aus, es folgt einfach ein Text auf den nächsten. Das erschwert beim ersten Mal Lesen durchaus die Orientierung, sorgt andererseits aber dafür, dass man sich wunderbar in dieser Sammlung verlieren kann, der überhaupt eine sympathische Zwanglosigkeit eignet, ein spielerischer Gestus, Leichtigkeit.
Statt auf Über- stößt man gelegentlich auf Untertitel mit Bezeichnungen wie „(Traum)“, „(wahre Geschichte)“ oder auch „(Gesellschaftstänze)“. Doch auch diese Kategorisierungen scheinen ganz undogmatisch gesetzt – keineswegs alle traumartigen Texte sind als solche bezeichnet, wie auch umgekehrt der „Wahrheitsgehalt“ der „(wahren Geschichten)“ wohl getrost angezweifelt werden darf.

Motive, Serien und Variationen

Stehen die Prosastücke also anfangs für sich – „Ich brachte Gegenstände zusammen, die sich noch nie zuvor begegnet waren“, heißt es einmal am Beginn eines Textes –, so entwickelt sich in Folge ein unsichtbares oder nicht ausgewiesenes Netz von Bezügen. Es finden sich gemeinsame Motive, wortidente Formulierungen (z.B. ist mehrfach von der „Warntracht der Gelben Tigermotte“ die Rede), wortidente Anfangssätze von Stücken, die dann variiert werden und kleine Serien bilden: „Ich legte meine Schützlinge in eine ausgehöhlte trockene Frucht“, beginnt ein Text, und ein anderer: „Ich legte meine Schützlinge in meine gewölbte Hand.“

Eine zweite Serie – und vielleicht Kern dieser Texte, da hier die beiden Titelmotive miteinander verknüpft werden – gruppiert sich rund um eine Krähe, die von der Ich-Erzählerin mit, wie es heißt, „Bio-Erdnüssen“ gefüttert wird und auf geheimnisvolle Weise mit ihr zu interagieren beginnt. Hier zeigt sich auch, was neben dem eingangs erwähnten Witz gleichermaßen für diese Prosastücke prägend ist: ihr poetischer Grundcharakter, das Unaufgelöste, Rätselhafte von Texten, die nicht alles preisgeben wollen. Wer oder was genau etwa mit den oben erwähnten „Schützlingen“ gemeint ist, bleibt in der Schwebe. Doch statt sich in Lyrismen zu verlieren, kippt die Beschreibung häufig ins Abstrakte, ist von „Dingen“, „Gegenständen“, „Körpern“, „Einzelteilen“ die Rede, die Eigendynamik entwickeln:
„Konkretisier dich, sagte ich zu dem Ding. Es schien mich zwar zu hören, tat aber, was es wollte, hatte mich bald in der Hand, führte mich am Gängelband und fing an, mich zu beherrschen.“

Dialektik von Abstraktion und Konkretion

Die Dialektik von Abstraktion und Konkretion oder auch jene von Form und Inhalt wird in zahlreichen Varianten durchgespielt, wobei der Inhalt häufig – und am Beginn des folgenden, listenartigen Textes geradezu vorsätzlich – unbestimmt bleibt:

See Also

Ich kratzte den Inhalt aus den Töpfen. Ich schüttete den Inhalt aus dem Glas.
Ich schüttelte den Inhalt aus der Verpackung. Ich kippte den Inhalt aus dem 
Paket. Ich zog den Inhalt aus der Hülle. Ich bohrte den Inhalt aus der Nase.

Auch in einem der längeren, schon beinahe Kurzgeschichtencharakter tragenden Prosastücke bleibt der eigentliche „Inhalt“ Leerstelle: Die Erzählerin bekommt ein großes Paket in die Wohnung geliefert, und nachdem sie es, ratlos, ausgepackt hat, steigt sie kurzerhand selbst hinein, verpackt sich und erkundigt sich bei der Post nach dem passenden Tarif.
Form und Inhalt finden außerdem auch ganz bildhaft Entsprechung in – Stichwort Nuss – Schale und Kern, die auch metaphorisch in den Texten präsent sind:

In den guten Haselnussjahren knackte ich das Rätsel deiner Existenz. Im Kern hatte
ich es schon erahnt. Es schmeckte mir. Dennoch hob ich die Schalen auf, um von Zeit 
zu Zeit das Geheimnis wieder zu verbergen.

Die Nuss, schließlich, versteckt sich in diesem originellen und abwechslungsreichen Band auch an ganz unerwarteten Stellen, verbirgt sich in Worten, in denen man sie gar nicht vermutet:

„Wir schlossen die Augen, lauschten den Meereswellen und führten das Hören mit
 dem Genuss zum Hörgenuss zusammen. Da war sie wieder, die Nuss in allen Dingen.

Sandra Hubinger: Von Nüssen und Krähen. Kurzprosa. edition keiper, Graz, 2022. 135 Seiten. Euro 20,-

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