Kirstin Breitenfellner liest Yermen Antis Wiederkunft der Wunderkinder als Sommerlektüre
An der Weltlage zu verzweifeln fällt derzeit nicht schwer. Umweltkrise, Pandemie, Inflation und seit dem russischen Überfall im Februar 2022 auf die Ukraine eine ganze Reihe von weiteren Kriegen. Obwohl mitteleuropäische Länder von Letzteren nur indirekt betroffen waren, konnten viele Dichterinnen und Dichter nicht umhin, darauf zu reagieren. Anja Utler etwa legte 2023 einen Band mit 206 Haikus unter dem Titel „Es beginnt. Trauerrefrain“ vor. Der russische Angriff auf die Ukraine hat auch mich erschüttert. Meine eigenen 17 Gedichte über den Krieg waren – flankiert von 17 Gemälden der Künstlerin Ellen Semen, die eigentlich den Jugoslawien-Krieg reflektieren, unter dem Titel „Blumen bluten nicht“ vom 20. Juni bis 14. August 2023 in der Wiener Galerie Burn-in zu sehen.
In den späten 1980er-Jahren hatte ich, u. a. animiert von Michail Gorbatschows Perestroika-Politik, Slawistik studiert. Meine Russischkenntnisse waren aber über die Jahre versandet. Nun dachte ich, es sei Zeit, sie im Namen der Völkerverständigung zu reaktivieren. Ich traf mich zur Online-Konversation mit einem aus Russland geflüchteten jungen Mann, der sich von Tiblissi aus für einen Studienplatz in Deutschland bewerben wollte und seine Deutschkenntnisse aufpolieren musste. Ich sah Filme, Netflix-Serien und las Bücher. Inzwischen hat sich eine gewisse Resignation eingeschlichen – bis Russland wieder ein offeneres Land wird, wird es wohl noch lange dauern.
Das kritische Potenzial der russischen Kultur
So lange kann einen nur das kritische Potenzial der russischen Kultur in Russland sowie im Exil trösten. Eine formidable Kostprobe davon gab das Literarische Quartier Alte Schmiede im Herbst 2023 und 2024 mit der Veranstaltungsreihe „Das andere Russland. Literatur in der Zeit des Krieges“ sowie „Das andere Russland II. In memoriam Lew Rubinstein“ – mit einem beeindruckenden Aufgebot intelligenter Köpfe, die sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden gaben – von Boris Chersonskij und Ljudmila Chersonskaja über Anna Narinskaya und Viktor Jerofejew bis zu jungen Talenten wie Jewgenija Berkowitsch (Jg. 1985) Darja Sarenko (Jg. 1993) – nachzuschauen hier und hier auf Youtube. Berkowitsch wurde 2024 zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt. Ihre Gedichte erscheinen allerdings in Exilzeitschriften wie dem Magazin „Die fünfte Welle“ („Пятая волна“).
Auf der Buch Wien 2025 lernte ich – als Standnachbarn der Poesiegalerie – den Verlag Dağyeli kennen. In ihm erscheinen wunderbare Bücher von Autoren aus der Türkei, aber auch aus Ex-Sowjetrepubliken wie Georgien oder Kasachstan. Gegründet ein Jahr nach dem Militärputsch in der Türkei von 1980 in Frankfurt am Main, wurden hier neben türkischen Klassikern auch Werke damals noch sowjetischer Schriftsteller verlegt. 1993 musste er infolge des Epochenbruchs von 1989 eingestellt werden, 2001 wagten Jeanine Dağyeli und Mario Pschera den Neuanfang mit einer Erweiterung auf Literatur aus Zentralasien und dem Kaukasus.
Ich entdeckte den philosophisch-poetischen georgischen Dichter Besik Kharanauli (geb. 1939) und sein Buch des Amba Besarion, aber auch den den kasachisch-russischen Dichter und Rapper Yermen „Anti“ Yerzhanov. Geboren 1974 im kasachischen Aktöbe/Aktyubinsk nahe der russischen Grenze, gründete Yermen Anti, so sein Künstlername, am 1. Januar 1992 die Band Adaptatsiya. Seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine tritt Anti, der seinen Stil Nomad Poetry Punk nennt, nicht mehr in Russland auf.

Von Nomad Poetry Punk zur Poesie
Poesie und Protest verbinden sich nicht nur in seiner Musik, sondern auch in seiner Lyrik zu einem beeindruckenden Ganzen. Seinen Gedichtband Wiederkunft der Wunderkinder möchte ich hier – der langen Einleitung kurzer Sinn – nun vorstellen. Er enthält Gedichte aus den Jahren 1993 bis 2022, übersetzt von Verleger Mario Pschera, selbst Jahrgang 1968 und aufgewachsen in der DDR, was Pscheras Einfühlung in die von Yermen Anti dargestellten Widersprüche der postsowjetischen Ära gewiss erleichtert. Geplant im Jahr 2021, als noch niemand den Überfall Russlands auf die Ukraine ahnen konnte oder wollte, liest sich Wiederkunft der Wunderkinder dennoch wie eine Analyse der Vorbedingungen eines Krieges in der Ukraine – wobei natürlich nicht vergessen werden darf, dass dieser bereits im April 2014 mit der Besetzung des Donezk begann. „Bad trip im besetzten Donezk“ heißt ein Gedicht, geschrieben 2016, „Hybrid geführter Bürgerkrieg“ eines von 2021. In „Blues der Betonschuhschachteln“ von 2018 heißt es:
(…) Wir verkrochen uns in Ritzen letzten Winter Der Zweck ist Ziel, nicht allein der Sieg Und jedes Mittel heiligt den Zweck Das ist die Hohe Kunst im Krieg (…) Das ist kein Gejammer, nur in nüchterner Diktion: Wenn Geld allein die Fäden zieht, dann winkt uns unterm Strich bodenlose Inflation Und eine absolute Anihilation Dieses malerischen Eckchens im All. Ich glaubte, ich wäre ein Bluesman Doch bin ich nur ein Kriegsgefangener … Blues der Betonschuhschachteln …
Wut, Ekel und Zärtlichkeit
Um den Klang dieser Dichtung zu erfassen, sind freilich Russischkenntnisse förderlich, zumal, wie Mario Pschera anmerkt, bei der Übersetzung die Botschaft im Vordergrund gestanden habe. Und das ist auch gut so. Auch das Glossar erleichtert das Verständnis des Inhalts dieser doch eminent politischen Texte. Sie changieren zwischen Wut, Ekel und Zärtlichkeit, haben einen konkreten Ort und eine konkrete Geschichte – und doch „besingt“ Yermen Anti etwas Allgemeinmenschliches: die „Abstrusität / All dessen, was uns umgibt“.
Gespeist wird sein Lebensgefühl aus einer Jugend in den 1990er Jahren im öden Hinterland eines gescheiterten Imperiums, dargestellt etwa in dem Gedicht „Sommer der Liebe“ von 2014:
Für uns gab’s kein Woodstock oder den Sommer der Liebe, Uns überschwemmte gleich das Heroin. Cobain erschoss sich, da war er siebenundzwanzig – Und blieb dafür für immer jung. Seither ist hier nicht wirklich viel passiert – Gleicher Wachtraum als ewige Masse, Ich schäm mich, den eigenen Kindern einzugestehen, Wie sehr ich mein Heimatland hasse. (…)
Oder in „Wir“ von 2020, dass seinen Rap-Charakter kaum verleugnen kann, wie man überhaupt die Lyrik von Yermen Anti automatisch als gesungen, oft eher als geschrien mithört.
Wir, steckengeblieben im Fahrstuhl sowjetischer Vergangenheit Eingemauert in den Wänden prähistorischer Pyramiden Nehmen für gegeben hin die Diktatur von Grau und Schäbigkeit Haben längst für uns entschieden: Sein oder Nichtsein. Wir, ganz zufällig von Stamm und Wurzel abgeschnitten Ganz vorsätzlich sind uns die eigenen Namen entglitten Wir glauben an die Kanonen, für die wir doch nur Futter sind Hier und jetzt sind wir immer bereit: zu sterben zwischen Hammer und Amboss zwischen Kirche und Schlachthof zwischen Friedhof und Burger King Wir – die Nichtse, die Bingo! schreien Wir schlafen den lethargischen Schlaf, lebendigen Leibes begraben Ins Koma gefallen vor der Unerträglichkeit rasenden Seins Auf somnambuler Suche nach der seligen Kinderlandidylle Ich, du, er und sie – wir sind das Wir der Antiutopie (…)
Dichten als Überlebenskunst
In seinem inspirierenden Nachwort charakterisiert Mario Pschera Antis Lyrik als „Gebrauchstexte für einen Alltag, der weit von dem in Westeuropa entfernt ist“ – geprägt von tristen Betonvierteln, Gewalt und Aussichtslosigkeit. „Die Texte von Yermen sind ebenso durchzogen von der Verzweiflung an der Wirklichkeit, ,schwarze Lieder‘, die den Zuhörern die Gewissheit geben, dass nicht mit ihnen etwas nicht stimmt, sondern sie in einer surrealen Realität leben.“ Ebendiese Surrealität, eine Komik der Verzweiflung, gibt aber auch Hoffnung, möchte ich hinzufügen. Nicht in der naiven Form, dass Schreiben und Singen etwas besser machen würden, sondern den Trost der Gewissheit, dass Menschen wie Yermen Anti sich niemals unterkriegen lassen – und mit ihrer Kunst auch andere dazu ermutigen.
Seine ernsten Themen – vom zaristischen und stalinistischen Terror über die mafiöse Aufteilung der Güter nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bis zu Putins Kriegen – sind getragen von einem Glauben daran, dass es noch andere Realitäten gibt. Zum Beispiel die Liebe. Dass Nationalismus und Militarismus dazu da sind, um lächerlich gemacht zu werden. „Es ist das Verdienst des Dichters und Sängers Yermen Anti“, schreibt Pschera, „gegen die Gleichgültigkeit, gegen die Schicksalsergebenheit anzuschreiben und anzusingen.“
Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer der Aufforderung: Lest diese Gedichte. Sie geben den Glauben daran zurück, dass man auf Russisch nicht nur Propaganda betreiben kann, sondern auch mit der Kraft eines selbstkritischen Sarkasmus wider den Stachel löcken. Das Gedicht „dort, wo meine Zeit verrann“ von 2017 beschreibt diesen Umstand wie folgt:
(…) ich hatte schwein: der rhythmus entriss mich den flammen die stromstärke hieß mich singen und schreien ich ging mit dem kopf durch die wand, mein leib trägt beulen, schrammen ich werde leben bis dahin, solang ich etwas habe, was zu sagen ist. (…) Dichten als Überlebenskunst.

Yermen Anti: Wiederkunft der Wunderkinder. Второе Пришествие Вундеркиндов. Gedichte Russisch-Deutsch.
Aus dem Russischen von Mario Pschera. Mit einem Vorwort von Yury Borovskikh und einem Nachwort von Mario Pschera. Dağyeli Verlag, Berlin, 2022. 180 Seiten. Euro 20,–

