Alexander Kluy liest Anja Bachls Mitternachtszustand

„Was taten wir, als wir diese Erde von der Sonne losketteten? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“ Friedrich Nietzsches Fragen in seiner Schrift „Fröhliche Wissenschaft“ (1882) waren bang.
Cover © Haymon Verlag
Nacht – das war und ist Zeit und Raum des Anderen, etwas Anderen, es ist das Spatium der Ängste, der Zweifel und Phantasmen, der Erinnerungen und Verbote, geträumter und ausgelebter Träume wie von Tabus und Grenzüberschreitungen.
Die Nacht und die Literatur
„Round Midnight“ ist ein Terminus, der nicht nur Aficionados der Jazzmusik vertraut ist. Vielmehr, und erst recht, ist es ein der Zeit enthobener Begriff der Literatur. Die Nacht – eine Anderswelt. Besonders beliebt war die Nacht in der Romantik, daher auch richtete der Frühromantiker Novalis seine Hymnen an sie.
An die Nacht hatte anderthalb Jahrhunderte zuvor der Engländer Edward Young (1683–1765) schon gedacht, als er seine Verse in The Complaint: or, Night-Thoughts on Life, Death & Immortality schrieb. Mehr als 130 Jahre danach meinte Emily Dickinson in einem ihrer Poeme in typischer grammatikalisch-emotionaler Zerrissenheit, die sich eben auch einer nächtlichen Auflösung verdankt: „A Moment – We uncertain step / For newness of the night – / Then – fit our Vision to the Dark – / And meet the Road – erect (…)“.
Im 20. Jahrhundert dann wurde man in T. S. Eliots recht frühem Gedicht „Rhapsody on a Windy Night“ der Nacht, in dem Fall: einer Nacht in einer Großstadt, einer „crowd of twisted things“ ansichtig, während rund zwanzig Jahre später Wystan H. Auden, ebenso formbewusst, mit „The Night Mail“ eines seiner beliebtesten Gedichte zu Papier brachte.
Fast drei Generationen danach meinte die schottische Lyrikerin Carol Ann Duffy, von 2009 bis 2019 als erste Frau als Poet Laureate of the United Kingdom institutionalisiert, in „Words, Wide Night“: „Somewhere on the other side of this wide night / and the distance between us, I am thinking of you.” Irgendwo auf der anderen Seite dieser weiten Nacht und des Abstands zwischen uns, denke ich an dich.
Etüde über Fragilität
Bilinguales findet sich auch in Anja Bachls Gedichtband Mitternachtszustand. Und Interpersonales. Und Empathisches. Es ist die zweite Lyrikpublikation der 1986 geborenen Salzburgerin. Ihr Debüt weich werden erschien 2021. Sie hat sich somit sichtlich wie lesbar Zeit genommen.
In drei Zyklen ist ihr neuer Band unterteilt. Die Herstellungsabteilung des Innsbrucker Haymon Verlags hat dem Ganzen einen recht luxuriösen Auftritt mit nicht wenigen Vakat-, mit leeren Seiten gegönnt. In bewusst eingesetzter Kleinschreibung sind die Sektionen überschrieben. Die Titel lauten: „milchgefüttert“, „blur“ sowie, explizit nachtaffin, „ich träume wieder“. Letzteres lässt diese Wende-Zeit wieder kippen. Und nicht umsonst verweist der Titel ja auf einen nicht nur temporalen Kippzustand. Davor gesetzt ist ein Gedicht, das sich von der Beschwörung eines Hundebisses zur kreativ-verbalen Metamorphose entwickelt, womit das Grundthema, die Basso-continuo-Duo-Entsprechung Sprache–Körperlichkeit/Sprache–Erinnerung, angestimmt wird:
der Körper muss in eine Form passen buchstabiere meine Pronomen f l e s h
Bachls „Mitternachtszustand“ ist ein flexibles Exerzitium in Auflösen und (Wieder-)Finden, es ist eine Etüde über Fragilität und Fragmentarisches, mit anderen Worten: Es geht um Identität und um Ich-Suche. Einmal liest man da: „unter brüchigkeiten ein kitt aus tönen“. An anderer Stelle wird dies ergänzt durch die Bemerkung: „ich träume abseits meiner familiensprache“:
die welt war ein widerhaken schaukelnd schaumig hingen die stunden am schlagen
Das Movens dieser Suite, deren Motive und Anspielungen am Ende wieder aufgenommen und ver-hallt werden, ist das Gebrochene, ist das Zerrüttete, es sind Echo-Rufe, also Uneindeutiges, das ja tatsächlich in die Nacht und zur Nacht gehört:
entzog ich mich der eindimensionalität schnaufte mit zyklischen rufen signalen entgegnen
Sprachbewegungen, die sich suchen
Nun kann man Bachls Lyrik vieles attestieren, eines allerdings nicht – Eindimensionalität. Man realisiert moderne, hochmodernistische, auch surrealistische Einflüsse.
„blur“ schließlich erfüllt, was der englische Titel verheißt, etwas Verwischtes, etwas leicht Verschobenes, etwas Opakes: „habe mich nie als Gegebenheit wahrgenommen / sondern als dehnbares Material“. Hier nun werden die Gedichte optisch. Sie sind typografisch großzügig über die Seiten verteilt, verzerrt und auseinandergezogen. Mehrere Kurzpoeme sind auf einer Seite vereint, ohne dabei Kohäsion oder Kohärenz erzwingen zu wollen. Es ist eine typografische Reflexion einer Sprachbewegung, die sich selbst in Frage stellt, die sich selbst sucht.
„ich träume wieder“ ist formal fester geschnürt. Zweizeiler dominieren. Defizitäre Eindeutigkeit ist hier Prinzip. Es ist ein Suchen, eine nach Worten suchende Bewegung. Zuschreibungen. Wirklichkeiten. Atemholen. Trost aber, den der Klappentext in Aussicht stellt? Auch ein „Trotzdem“ als Aktion wie als Reaktion mutet zu stark an.
was soll ich legen was wäre deine Zukunft hättest du Wörter mitzureden, ich legte sie dir auf ich legte mich zu dir
Am Ende also gibt es hier dann Hoffnung, und nicht nur einen gehauchten Raum freier Verse. „wenn ihr mich seht, seht ihr mich nicht“. Dies wäre bei diesem aufregenden, aufregend avanciertem Band bedauerlich.
Anja Bachl: Mitternachtszustand. Gedichte. Haymon Verlag, Innsbruck, 2026. 104 Seiten. Euro 23,95

