Martina Jakobson liest Peter Huchels Chausseen, Chausseen

In der Uckermark führen alle Wege zum Wasser. Die historische Landschaft in Brandenburg, nur eine Stunde Zugfahrt von Berlin, lockt mit eiszeitlichen Seen, Kiefernwäldern, Sand und sanften Hügeln. Ausgestattet mit Badekleidung, Geldbörse, Luftpumpe und der Peter Huchel-Taschenbuchausgabe „Die Gedichte“ im Rucksack, beginnt mein Streifzug. Das Fahrrad ist frisch aufgepumpt mit märkischer Luft und klappert munter los.
Cover © Martina Jakobson
Noch etwas orientierungslos als neuer Gast, könne ich mich bei heißem Sommerwetter auf meinem Weg zum Oberuckersee kaum verirren, versicherte mir vorhin meine Untermieterin. Erst käme der Feldweg, dieser führe durch den Wald, an der ersten Weggabelung links abbiegen, den Bahndamm überqueren, nach etwa 50 Metern sähe man schon den kleinen schilfbewachsenen Badestrand und das glasklare Wasser durch die Bäume funkeln.
Anfangs säumen linkerhand ein Blühstreifen und ein Stoppelfeld meinen Weg, rechterhand leuchten junge Apfelbäume, die ein Öko-Verein zum Ausgleich für die auf die Hügel gesetzten Windräder gepflanzt hat. Dieses Jahr tragen sie erstmals Unmengen von Früchten, die laut einer alten brandenburgischen Tradition frei für alle zum Pflücken sind. Selbst die geografische Ausdehnung Brandenburgs erinnert an einen Apfel, in dessen Kern Berlin liegt, während die Unterkammern die Landschaftsstriche der Uckermark, des Havellands, das Ruppiner Land oder auch den Spreewald bilden.
Mein Fahrrad ruckelt über Wurzeln, ich halte inne, um einen Augustapfel zu pflücken, ein paar Schritte weiter schüttele ich eine Handvoll Mirabellen in den Rucksack. In Huchels poetischer Landschaft wachsen Ahornbäume, Holunderbüsche und Kiefern. Auch das kommt in meinen Rucksack.
Im Schatten einer Ulme schweift mein Blick zum Blühstreifen. Die Wattebüsche der Disteln wehen:
UNTER DER WURZEL DER DISTEL Unter der Wurzel der Distel Wohnt nun die Sprache, Nicht abgewandt, Im steinigen Grund. Ein Riegel fürs Feuer War sie immer. Leg deine Hand Auf diesen Felsen. Es zittert das starre Geäst der Metalle. Ausgeräumt ist aber Der Sommer, Verstrichen die Frist. Es stellen Die Schatten im Unterholz Ihr Fangnetz auf.“
Das Gedicht erschien erstmals in Huchels zweitem Band „Chausseen, Chausseen“ 1963, es steht für dessen Naturlyrik und spielt zugleich an Huchels persönliche Situation an. Dort, wo nichts mehr gedeiht, wo dem poetischen Schaffen jedwede Nahrung entzogen wird und Dürre herrscht, zieht es sich mit seiner Sprache in die Wurzel zurück und ist auf die steinige Erde angewiesen, um zu überdauern. Ein Thema, das Huchels Werk durchzog.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sah Huchel auf die Anerkennung seines Werkes zurück. Sein erster Band „Gedichte“ (1948) umfasste Texte von 1925 bis 1947 und begründete nach Kriegsende seinen literarischen Weg als Autor, Hörspielautor sowie seinen beruflichen Weg als Chefdramaturg im Berliner Rundfunk der DDR, später als Chefredakteur der literarischen Zeitschrift Sinn und Form der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin, wo sich indessen bald Schwierigkeiten und Anfeindungen einstellten.
Kaum habe ich den Wald erreicht, bleiben die Räder stecken. Wem Sand ins Getriebe gerät, der muss stärker treten und das Lenkrad fester halten. Anfangs schlingere ich noch, kurz darauf haben sich meine Beine erinnert, wie es war, als Kind kraftvoll in die Pedale zu treten. Der warme Geruch des Sandes vermischt sich mit dem harzigen Duft der Kiefern.
Nur wenige Gedichte in Huchels Lyrik führen konkrete Orte oder geografische Namen an, er verstand seine poetische Landschaft als Teil einer gesamten Landschaft. Im Gedicht „Brandenburg“ hingegen finden wir eine Nennung, ersteht die Pflanzen- und Tierwelt dieser Region:
„BRANDENBURG Hinter erloschenen Teeröfen Ging ich im Brandgeruch der Kiefernheide, Dort saß ein Knecht am Holzhauerfeuer, Er blickte nicht auf, Er schränkte die Säge. Noch immer tanzt abends Der rote Ulan Mit Bauerntöchtern auf der Tenne des Nebels, Die Lanka durchweht Von Mückenschwärmen über dem Moor. Im Wasserschierling Versunken Die preußische Kalesche.“
Die märkischen Kiefern findet der Leser als wiederkehrendes Motiv bei Huchel. Damals wie heute stehen sie für eine unberührte, teilweise unbewohnte Landschaft, die historisch kaum den Eingriffen des Menschen unterlag und einer starken Industrialisierung entging. Huchel etwa führt immer wieder Menschen und Gegenstände, Arbeitsutensilien aus der ländlichen Lebenswelt an, wie Knechte, Mägde, Hirten, insbesondere Fischer und Flößer, die ihm seit Kindertagen aus der Havellandschaft vertraut sind.
„DIE WASSERAMSEL Könnte ich stürzen heller hinab ins fließende Dunkel um mir ein Wort zu fischen, wie diese Wasseramsel durch Erlenzweige, die ihre Nahrung vom steinigen Grund des Flusses holt. Goldwäscher, Fischer, stellt eure Geräte fort. Der scheue Vogel will seine Arbeit verrichten.“
Der Sand wird tiefer, ich muss absteigen. Nach der Biegung folgt wieder ein Feld und ein Mähdrescher, eine Staubwolke verdunkelt den blanken Mittagshimmel. Mein Fahrrad vorwärtsschiebend, entspreche ich dem Bild einer Badetouristin. Ich sehe, wie der Landwirt in der durchsichtigen Kabine der Maschine sitzt und frage mich, wie er dem Staub und der Gluthitze widersteht.
Da kommt der Bahndamm, die Siedlung, die ausgelassenen Kinderstimmen künden den Badesee an. Jetzt bremse ich mich einen leichten Hügel hinab. Ferienhäuser, Wohnmobile, kein Zaun grenzt die Badestelle ein und eine grüne Tafel informiert in Kreideschrift das Tagesangebot mit Eis, Cola, Würstchen und Sommerpommes.
Ein mir unbekanntes Ehepaar winkt mir zu, als mein Blick über den Strand irrt: hier ein Schattenplatz, das Rad lehne ich in einen Holunderbusch. Kaum habe ich das Handtuch ausgebreitet, sehe ich, wie sich Vereinzelte mit dem Rücken zum See stellen und in Richtung Wald deuten.
Jetzt drehe ich mich um. Eine Rauchsäule steigt aus dem Wald auf. Kam ich nicht soeben von dort? Das ist sicher die Staubwolke des Mähdreschers. Der Rauch verdunkelt sich und quillt nun als schwarze Säule zum Himmel.
„Brennt der Wald?“, fragt einer.
„Der Mähdrescher“, zucke ich mit den Achseln.
„Das sieht nicht gut aus“, kommentiert das Ehepaar neben mir die Situation.
Jeder hat jetzt eine Vorstellung, was das sein könnte, als die Rauchsäule sich in eine schwarze, tiefrote Wand verwandelt.
„MEINUNGEN Die Leute sagen im Ort: Drei Kieselsteine, Vor eine Straßenwalze geworfen. Die Freunde sagen: Tauwetter kommt Und legen beschneite Mäntel ab. Einer, für Jahre Eingesessen in Bautzen, Stellt sich ans Fenster und liest. Bald füllt sich das Zimmer mit jungen und alten Stimmen, mit Tabak und Asche, mit Hoffnung und Zweifel. Die Katzen, Die hinter der Tür Auf der Treppe dämmern, Sind weise und schweigen.“
Entschlossen greifen jetzt Einzelne zum Handy. Minuten später ist das Signal der Feuerwehr zu hören. Der Rauch wird grau, dann weiß.
„Die löschen!“
Inzwischen habe ich mich entschlossen, baden zu gehen. Meine Füße werden von kleinen zutraulichen Fischen beäugt, als am Badestrand ein Feuerwehrfahrzeug auftaucht, Männer in schweren Stiefeln und in Helmen steigen ab. Das Löschfahrzeug tankt neben dem Schilf Wasser. Zwei Feuerwehrmänner suchen die Idioten, die ihre Autos falsch geparkt haben. Unbeeindruckt spielen einige Badegäste Wasserball, dümpeln auf Luftmatratzen, einzelne Kinder stellen sich wie gebannt zu den Feuerwehrmännern.
Abgekühlt und mit klarem Kopf frage ich mich: Kann ich denselben Weg zurück oder wird er nun gesperrt? Vor meinen Augen ersteht eine unsichtbare Wand. Schlagartig fällt mir ein, in fünf Tagen jährt sich der 13. August 1961. Dieses Jahr wurde auch für Huchel zu einer Zäsur, teilte die Autoren in Ost und West. Aus Empörung über den Mauerbau verließ Huchel 1962 die Redaktion der Sinn und Form. Ab 1963 unterlag er einem Publikationsverbot. Jahrelang lebte er isoliert vom literarischen Leben und unter permanenter Beobachtung der Staatssicherheit hinter einer unsichtbaren Mauer in Wilhelmshorst bei Berlin, bis er 1971 die DDR verlassen durfte.
Es wird Zeit wieder loszufahren, ich muss denselben Weg zurücknehmen. Als ich das Rad aus dem Schloss löse, stelle ich fest, dass der Schlauch ohne Luft ist, ich pumpe, drehe am Ventil, nichts hilft. Also schiebe ich zurück. Der Weg führt zurück durch den Kiefernwald, vorbei an einem verkohlten Feld.
Peter Huchel Chausseen, Chausseen. Gedichte. Fischer, Frankfurt am Main 1963.

