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Banalien-Poesie des Alltags

Banalien-Poesie des Alltags

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Sophie Reyer liest Brane Mozetičs Banalien


„Wie gewöhnlich kam er spät“ – ein guter Anfang für einen Lyrikband, oder? Und dass der Inhalt dieses eröffnenden Gedichtes banal ist, ist sogar gut so – denn der Band selbst macht diese Alltäglichkeit auch sofort zum Thema und nennt sich, nomen est omen, auch Banalien.

Wie gewöhnlich kam er spät. Für Harmonie
gab es keinen Grund mehr. Die Dinge waren
banal geworden, das Leben, das Schreiben,
überflüssig. Er legte sich zu mir, umarmte mich,
und augenblicklich spürte ich
einen Geruch.
Ich zuckte, prüfte noch einmal, aber
es ging nicht. Es war eindeutig. Mir wurde schlecht,
ich sprang auf und stürzte ins
Badezimmer. Durch das offene Fenster
schnappte ich Luft, alles drehte sich. Es war Männergeruch.

In diesem blockartigen, auf den ersten Blick so gar nicht lyrisch anmutenden ersten Text fasst der Dichter Brane Mozetič, geboren 1958 in Ljubljana, die momentane Situation des lyrischen Ich gekonnt zusammen. Hier – und auch in den folgenden Texten – wird beobachtet, ironisiert, schmerzliches Erleben homosexueller Liebe und deren Verlust auf ganz unprätentiöse Art und Weise erfahrbar gemacht.

Cover © Sisyphus Verlag

Übersetzt hat diesen Band, dessen Originaltitel Banalije, kaum anders kling als das deutsche Pendant, der Künstler und Nachdichter Andrej Leben – und das auf fulminante Art und Weise.

Selbstreferenz und Fragespiele

Bereits auf Seite sieben, ganz zu Beginn dieser literarischen Such- und Fragebewegung, begegnet uns – wie oben zitiert – ein erster Moment der Selbstreferenz: „Für Harmonie gab es keinen Grund mehr. Die Dinge waren / banal geworden, das Leben, das Schreiben, / überflüssig.“ Dann erinnert sich der Ich- Erzähler sich an die schlagende Hand seines Stiefvaters, und das Folgende klingt gar nicht mehr banal:

Soll 
ich mich woanders zudecken und versuchen
einzuschlafen ohne ihn?

Dass Brane Mozetič eine Sprachkunst betreibt, die durch die Reduzierung der Syntax, durch Halbsätze, die aus dem Alltag stammen und verfremdet werden, und durch Neologismen entsteht, eine, die die Form des monologischen Sprechens zur Perfektion bringen will, ist allein schon aufgrund der Perpsektive klar: Die Texte sind in der Ichform geschrieben, und trotzdem spricht hier nie nur eine Person.

Vielmehr sind die Texte so etwas wie Textpartituren aus „Stimmen“, die, wenn nicht den Wunsch nach einer Art „Verkörperung“ auf der Bühne, so doch ein klares subjektives Sprechen nahelegen – das aber durch den Inhalt wieder gebrochen wird, denn das, was hier zu Wort kommt, ist ein vielstimmiges, quasi „schizophrenes“ und mit Sätzen, Fragen und Ideen anderer Identitäten angereichertes Ich. Dadurch aber, dass der Dichter die Texte mit Fragen ergänzt, betreibt er eine neue Art der Sprachbehandlung – und überträgt eine Form in die andere.

Blick in die Abgründe

Thematisch mutig sind die blockartigen lyrischen Monologe „Banaliens“ außerdem auch, denn sie handeln zwar alle von der Suche nach Liebe, aber auch von Homosexualität und der Vermischung von Erotik und Macht. Darin heißt es:

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...) Monatelang
haben wir geredet, um uns zu akzeptieren. Bis du alles
sattgehabt und mich mit drei Worten vernichtet hast. Vielleicht
hast du das so gewollt, ständig gehen sie mir durch den Kopf, machen meine Liebe zunichte. Ich habe Angst, an deinem Haus vorbeizugehen. Bei Nacht
hämmerst du Nägel in die Wand, mir in den Kopf.
Dieser Schmerz! Ich würde Kilometer rennen, damit du aufhörst.
Die Worte widerrufst (…)

Und es bleibt ein schaler Geschmack im Mund zurück. Denn wir meinen zu spüren: Jedes Wort ist hier erfühlt, jede Weisheit hat der Dichter sich mit dem Körper erkämpft. Oder? Eines jedenfalls ist sicher: Der Lyriker, Erzähler, Essayist und Übersetzer (Rimbaud, Genet, Foucault u. a.) weist einen beachtlichen Lebenslauf auf. Er war Redakteur der ersten slowenischen Schwulenzeitschrift, Mitbegründer und Programmdirektor des slowenischen LGBT-Filmfestivals (1984), Redakteur der Buchreihen Aleph und Lambda und Herausgeber mehrerer LGBT-Literaturanthologien. Wen wundert es, dass Mozetič der meistübersetzte zeitgenössische slowenische und einer der meistübersetzten zeitgenössischen europäischen Dichter ist?

Die Texte haben eine Dringlichkeit, die den Leser, die Leserin wie einen Sog immer tiefer und tiefer in ihre Welten hinabzieht. Dass der Dichter sich über Jahrzehnte seine überaus eigene lyrische Sprache erarbeitet hat, wird an der Fülle seiner bisherigen Arbeiten klar: Mozetičs Werk umfasst ganze sechzehn Gedichtbände und drei Romane, aber auch eine Vielzahl an Kurzgeschichten sowie Literatur für Kinder und dokumentarische Bücher. 2003 und 2019 erhielt er den Simon-Jenko-Preis für den besten slowenischen Lyrikband der letzten zwei Jahre – darunter für den Gedichtband Banalien, der in zwölf Sprachen übersetzt wurde. Wen diese besondere Form des monologischen Sprechens interessiert, der sei auch auf die ebenfalls in Deutsch vorliegen Romane Schattenengel (2001), Die verlorene Geschichte (2006), Umarmungen des Wahnsinns (2018) sowie auf die Lyrikbände Schmetterlinge (2008), Banalien (2010), Banalien 2 (2016) und Und mehr. Banalien 3 (2022) verwiesen.

Jenseits klassischer Erzählstrukturen

Banalie ist einer der besonderen Texte, die sich in ihrer Sprachbehandlung von dem Moment vorherrschenden Prosastil des Mainstream abheben, mit semantischen Strukturen brechen und neue Formen des Ausdrucks suchen. Sind diese blockartigen Passagen tatsächlich Gedichte? Die Antwort ist und bleibt – zum Glück – dem Leser und der Leserin überlassen. Eines jedenfalls ist sicher: Dieses monologisierende Sprechen, diese neue Form des „Stream of concsciousness“ verweigert jede Form der durchgeplotteten Erzählung. In diesem Sinne ist der Dichter nahe an Schriftstellerinnen wie Hélène Cixous, die in ihrer „écriture feminine“ eine Art des Schreibens betreibt, die sich viel eher am Klang der Sprache entlangtastet, als dass sie sich an einem stimmigen Gesamtkonzept abarbeiten oder einer traditionelle Form bedienen würde. So wird die Produktionsmaschinerie nicht einfach beliefert; vielmehr kommt es zur Auslotung neuer Bereiche und Möglichkeiten, Sprache zu denken. Ein innovatives und lesenswertes Buch.


Brane Mozetič: Banalien. Sisyphus, Wien, 2023, 112 Seiten. Euro 12,–

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