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Zeit des Wedelns, Zeit des Knurrens

Zeit des Wedelns, Zeit des Knurrens

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Helwig Brunner liest von Christoph W. Bauer
an den hunden erkennst du die zeiten

Auf die viel diskutierte Frage, was Gedichte von anderen Textsorten unterscheidet, lässt sich manches Altbekannte antworten. Eines aber, Teil meiner ganz persönlichen Antwort auf jene Frage, ist mir eben erst aufgefallen: Erzählprosa oder Essays lese ich einfach, ich konsumiere sie gewissermaßen; Lyrik zu lesen bedeutet für mich hingegen immer auch zu schreiben, also einen produzierenden Part zu übernehmen, zumindest das Notizbuch oder das Handy mit seiner Notizen-App liegt immer neben dem Gedichtband, oft auch der eingeschaltete Laptop. Im Gedicht werden Lesen und Schreiben für mich untrennbar, manchmal ununterscheidbar. Das hat handfeste Gründe. Gedichte lese ich nämlich meist in Situationszusammenhängen, die ein Schreiben nicht nur ermöglichen oder nahelegen, sondern es erfordern: a) als Herausgeber der Buchreihe keiper lyrik, der einlangende Manuskripte prüft und entstehende Bände dieser Reihe lektoriert und mit einem Nachwort versieht, b) als Co-Kurator der alljährlichen Veranstaltung Best of Lyrik im Grazer Literaturhaus, der aktuelle deutschsprachige Lyriktitel vorschlägt und einmoderiert, und c) mitunter als Juror oder Vorjuror eines Lyrikwettbewerbs, der Hunderte von Einreichungen zu sichten und zu kommentieren hat. Erst an vierter Stelle steht unter d) die zweckbefreite Lektüre von Gedichten, etwa in einigen Literaturzeitschriften, die mir regelmäßig ins Haus flattern, und auch da ist der Schritt zum Schreiben nie weit, denn „fremde“ Gedichte regen mich oft zu „eigenen“ Gedichten an, was sich freilich nur unter Anführungszeichen so sagen lässt, denn gerade in der Lyrik ist mir das Fremde oft das Vertrauteste, während das Eigene sich im Handumdrehen entfremdet.

Foto des Computers mit der Rezension "Zeit des Wedelns" und Plüschhund vor Buchregal

 

Meine Sommerlektüre von Christoph W. Bauers neuem Gedichtband fällt in die Kategorie b) der obigen Auflistung, denn Bauer wird seinen Band im Spätherbst im Grazer Literaturhaus vorstellen und ich werde mich einführend dazu äußern dürfen. Mit entsprechender Vorfreude habe ich, an meinem Schreibtisch sitzend, in Bauers Band gelesen und lesend allerlei Sätze getippt, die sich in weiterer Folge einerseits zum vorliegenden persönlichen Lektürebericht, andererseits auch zur Einmoderation für eben jene Veranstaltung zusammenfügen lassen.

© Helwig Brunner

 

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass ich Christoph schon lange auch persönlich kenne; ehemals ein Kollege in der jungen Lyrikszene, ist er heute einer der etabliertesten Lyriker Österreichs und zudem eine wichtige Drehscheibe unterschiedlicher Lyrikprojekte, etwa als Kurator für das „Netzwerk : Poesie“, eine wunderbar entschleunigte Zusammenkunft im Literaturhaus Krems, die in eine dicht gewobene Anthologie poetischer Aktion und Reaktion mündet. So ist meine kollegiale Sympathie für die Person Bauers kaum von meinem Respekt vor seinem literarischen Werk zu trennen, was an dieser Stelle aber auch nicht nötig ist – denn die subjektive Färbung des Zugangs ist in der Reihe Sommerlektüren der poesiegalerie, für die dieser Text entsteht, ausdrücklich erwünscht. 

Das Lesevergnügen


Wenn ein drahtiger, vom Wetter wie auch vom wetterwendigen Leben gegerbter Typ in seiner Vita berufliche Erfahrung als Skilehrer anführen kann, ist ihm mein Respekt schon einmal sicher. Denn für mich, anders als für ihn, bedeutet rutschen meistens ausrutschen, es fehlt mir in der Tat an jeder sportlichen Eleganz, wenn ich bestenfalls mit Schneeschuhen durch den Winterwald stakse oder mich auf Langlaufskiern eine Loipe entlangbewege wie eine Straßenbahn der Grazer Verkehrsbetriebe auf ihren Gleisen. Da Christoph W. Bauer aber bekanntlich nicht nur Ski fährt, sondern auch und vor allem gute Literatur schreibt, könnte ich beinahe vor Ehrfurcht verstummen – hätte ich mir nicht vorgenommen, mich zu seinem neuen Gedichtband zu äußern, und wüsste ich nicht außerdem mit ziemlicher Sicherheit, dass Christoph auf stumme Ehrfurcht pfeift und ihm ein launiges Echo auf seinen neuen Gedichtband jedenfalls lieber ist. Skifahrer wedeln, Hunde wedeln, da haben sich wohl zwei getroffen, vermute ich und bin gespannt, was Bauers Hunde so treiben, wenn sie gerade nicht Ski fahren.


Stimmt das denn, erkennt man wirklich an den Hunden die Zeiten? Ist der Zahn der Zeit in Wahrheit ein reißender Hundezahn, der nicht umsonst Caninus heißt? Obwohl man, so die Tiroler Tageszeitung, den Titel des Buches als Gewissheit lesen kann, ist an den hunden erkennst du die zeiten ein Buch des Zweifels. Wie die Wiener Zeitung zutreffend bemerkt, ist man vielmehr geneigt, „eher umgekehrt zu fragen: Welche Hunde könnten für diese quälenden Zeiten stehen, die wir gerade erleben? Der zähnefletschende Pitbull, der röchelnde Mops, der abgemagerte Streuner?“ Bauer hält sich nicht mit der Beantwortung solcher Fragen auf, sondern legt mit einem Rundumschlag gegen herrschende Geisteshaltungen, gegen ignorante und bornierte Zeitgenossen los. Gleich im ersten Gedicht prangert Bauer „geistige pleiten“ an und zeigt mit dem Dichterfinger, fast könnte es der Mittelfinger sein, auf jene Schönredner, die als „experten für alles in lärmigen zeiten […] aus jedem minus ein vermeintliches plus“ zaubern. Doch auch sich selbst stößt Bauer ohne zu fackeln vom Dichterpodest: „allemal habe ich keine ahnung aber davon viel“, lese ich im zweiten Gedicht, ein ausdrückliches Bekenntnis zu Widersprüchlichkeit und Nonsens, die ihm, so Bauer, lieber seien als „betuliches kreisen über allerweltsgerüchen / die nase gerümpft den kleinen finger abgespreizt / um die beschaffenheit einer klobrille zu behadern“. Es jenen gleichzutun, die „in die falle des eigendünkels getappt / […] wochenlang blasiert an ihren versen feilen“, ist Bauers Sache nicht. So viel wird eingangs gleich einmal klargestellt – eine widerständige Abgrenzung, eine knurrende Poetik des, sagen wir, Alles-nur-nicht-Klugscheißens.


Gleichzeitig und in reizvollem Kontrast zu diesen harschen Tönen zeugen Bauers Verse von handwerklicher Könnerschaft, poetischem Traditionsbewusstsein, profunder Kenntnis und ja, durchaus auch von wochenlanger konsequenter Arbeit. Bauer ist als passionierter Leser bekannt, als poeta legens quer durch die Literaturgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart; auf Catull und Plautus hat er in seinen Texten mit derselben Selbstverständlichkeit reagiert, mit der er auch aktuelle popkulturelle Bezüge herstellt und zeitgenössische DichterkollegInnen kuratorisch und herausgeberisch vernetzt. Vom Sonett bis zum formstrengen Gedichtekranz finden wir auch in Bauers neuem Band traditionsbezogenes Dichtungshandwerk im inhaltlichen Einklang mit geistiger Zeitgenossenschaft. Er ist also ein ganz Böser, dem wir schleunigst kulturelle Aneignung über die Jahrtausende vorwerfen sollten – oder dem wir vielleicht doch lieber die Kunst des Weiterschreibens hoch anrechnen wollen, jenes Schreibens also, dem immer ein Lesen vorangeht und folgt, ein ehrfürchtiges Lesen, aber sicher kein stummes. Auch für Bauer, nicke ich, sind Lesen und Schreiben nicht wirklich voneinander zu trennen.

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Die Zeitläufe, das Timing, das Eingebundensein in vorangegangene und nachfolgende Epochen, dazwischen das Hier und Jetzt, all dies ist in Bauers Versen ein immer wiederkehrendes Thema in vielfältigen Fassetten und wechselndem formalen Gewand. „die schneepflüge schieben das jahr in sein ende“, lese ich. Ja, verdammt noch mal, das stimmt, schon wieder ein Jahr vorbei, denke ich mir und wähne mich ob der Schneepflugmetapher schon in Tirols Bergen, zumal sich in Bauers Versen jederzeit auch etwas von der Leichtigkeit und Eleganz des wirklich guten Skifahrers zeigt. Ich denke dabei nicht etwa an einen Rennläufer, der um Hundertstelsekunden geizend einen Abfahrtshang hinunterbrettert; vielmehr haben Bauers Gedichte immer Zeit für richtig schöne Schwünge, Enjambements, Verschränkungen von Vers zu Vers, stets im rechten Moment changierend zwischen Stand- und Spielbein, oder Bergski und Talski, wie es wohl richtiger heißen muss. Ein bisschen staubt mir beim Lesen der Tiroler Tiefschnee um die Ohren, so metaphorisch erfrischend, als wäre ich selbst dieser gute Skifahrer, und für manche Lektüremomente bin ich es vielleicht sogar – das nennt man dann Lesevergnügen.

Das Weiterschreiben

Wenn ich oben sagte, dass Lesen und Schreiben für mich im Gedicht untrennbar miteinander verbunden sind, so mag es an dieser Stelle noch angebracht sein darüber nachzudenken, was die Lektüre von Bauers Band für mein eigenes Weiterschreiben bedeuten kann. Ich selbst schreibe Gedichte derzeit als Lyrikskeptiker und habe für mich, zumindest vorläufig, vieles verworfen, was (meine) Gedichte bisher ausgemacht hat. Ich glaube mir selbst nicht mehr recht, wenn ich Verse mit hübschen Enjambements zu Strophen anordne und einen schmucken Titel darüberstelle. So stanze ich aus persönlicher Überzeugung Gedichte derzeit (wie sich beispielsweise in der Zeitschrift manuskripte nachlesen lässt) lieber als rohe Blöcke aus der amorphen Masse des Sagbaren, als schöne Verse zu ziselieren. Bauers Band zeigt mir nun jedoch so ausdrücklich und eindrucksvoll wie schon lange keine andere Lyriklektüre, dass man das Gedicht mit seinen traditionellen Wesenszügen und Attributen nicht sprengen, nicht verlassen muss, um sich gedankenscharf, frei von Kitsch und Pathos zeitgenössisch zu artikulieren. Das wird für mich gewiss nicht ohne Folgen bleiben und in die eine oder andere eigene Schreibentscheidung einfließen, sei es affirmativ oder auch als Kontrapunkt, als Reibefläche

 

 

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